Ungarn: Facharbeiter werden knapp

- Györ - Was ist das wichtigste Ausfuhrgut Ungarns: Paprika? Salami? Nein: Automotoren! Seit Audi 1993 ein Werk in Györ eröffnete, ist die ungarische Tochter zum größten Exporteur des Landes geworden - und ein Beispiel für Expansion nach Osten.

<P>In fast jedem Audi pocht als Antrieb ein ungarisches Herz. Auch für andere VW-Töchter werden Motoren gefertigt - im 15-Sekunden-Takt. Selbst die Nobelmarke Lamborghini bestellt Teile im westungarischen Györ. Dort laufen auch alle TT-Roadster und Sportcoupés vom Band.<BR><BR>Nach der Wende lockten mehrere Faktoren die Ingolstädter donauabwärts: <BR>Eine fast fertige Fabrikhalle des Lastwagenbauers Rába.<BR>Steuerfreiheit, weil die Halle in einer zollfreien Zone lag.<BR>ut ausgebildete Facharbeiter und Ingenieure (die wegen der Nähe zur österreichischen Grenze meist Deutsch sprechen) zu niedrigen Löhnen.</P><P>Manches hat sich verändert:<BR>Mit der EU-Osterweiterung gibt es keine Steuerfreiheit mehr. Doch wurden die Bedingungen so gestaltet, dass Audi erst ab 2011 Steuern zahlt.<BR>Die Arbeitskräfte werden knapp. 3,7 % Arbeitslosigkeit in Györ bedeuten, wie Thomas Faustmann, Chef von Audi Hungaria, sagt, "fast Vollbeschäftigung". Mittlerweile pendeln Arbeiter aus der Slowakei nach Ungarn. <BR><BR>Doch eines blieb: Die Arbeitskosten sind niedrig. Sie betragen ein Siebtel bis ein Fünftel des westdeutschen Niveaus. Zwar gibt es einen Ausgleich für die Inflation von rund 6 % und laut Faustmann auch etwas mehr. Doch der absolute Lohnzuwachs sei geringer als in Deutschland. So kann sich die Annäherung der Löhne noch Jahre hinziehen.<BR>Doch zeigt sich die Schattenseite. Wer in Ungarn bei Audi arbeitet, kann noch keinen Audi fahren. Genau 1222 Autos der Marke wurden 2003 in Ungarn verkauft. 12 000 bis 15 000 Euro verdient ein Facharbeiter im Jahr. Davon nimmt der Staat, wie Finanz-Staatssekretär Elémer Terták einräumt, die Hälfte. Bereits bei einem Lohn von 180 000 Forinth (720 Euro) zahlen Arbeiter 38 % Spitzensteuersatz, dazu Sozialabgaben.<BR><BR>Über rund 800 Euro netto verfügt damit ein Normalverdiener. Wie lebt man davon? Miete, Lebensmittel und Energie sind vergleichsweise billig. Bei Luxus schlägt der Staat aber gnadenlos zu: Auf ein Auto werden, so Terták, nicht nur 25 % Mehrwertsteuer fällig, sondern auch eine kompliziert berechnete Registrierungssteuer, die umgerechnet auch bei gebrauchten Autos mehrere tausend Euro ausmachen kann.<BR><BR>Steuern zu hoch, Staatsdefizit (rund 6 % des Bruttoinlandsprodukts) zu hoch: Damit steht Ungarn vor dem gleichen Dilemma wie der Rest der EU. "Wir müssen es rapide angehen, dem Euro beizutreten", sagt Terták. Doch rechnet er damit nicht vor 2009.</P><P>Lohnkosten allein sind nicht entscheidend</P><P>Beim Standort Ungarn geht es aber nicht nur um den Lohn, der etwa bei Audi ohnehin nur 15 % der Produktionskosten ausmacht. Es geht um Einsatzbereitschaft: "Wir bestimmen, wann gearbeitet wird", sagt Faustmann. "7 Tage die Woche und 24 Stunden am Tag." Was nach Arbeitslager klingt, betrifft nur die kapitalintensiven Anlagen. Die individuelle Arbeitszeit im Rahmen von Arbeitszeitkonten beträgt im Durchschnitt 40 Stunden pro Woche.<BR><BR>Dennoch errechnet sich für Faustmann insgesamt ein Produktionskostenvorteil von 15 %. Ein weiterer entscheidender Vorteil für Györ ist die Lage: 13 Güterzüge pro Woche liefern im Audi-Werk Material, Teile und Vorprodukte an und holen Motoren und Autos ins 650 Kilometer entfernte Ingolstadt ab.<BR><BR>Viele Betriebe, die ausschließlich wegen der niedrigeren Lohnkosten nach Ungarn gehen, könnten sich verrechnen. Denn die Verkehrsinfrastruktur ist, wie Staatssekretär Tertà`k einräumt, nur in den westlichen Landesteilen ausgebaut. Im Osten gebe es erhebliche Defizite. Auch gebe es dort zu wenige Facharbeiter. Es könnte ein Wettbewerb um Fachkräfte losbrechen. Ein Indiz dafür ist auch beim Investitions-Pionier Audi zu spüren. Dort wurde bereits ein Mitarbeiter-Bindungs-Programm aufgelegt.<BR></P>

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