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Auch Netzaktivistin Katharina Nocun sieht den Internet-Riesen Amazon in der WDR-Doku sehr kritisch. 

WDR-Doku

Die unheimliche Macht von Amazon: Experten mit düsterer Zukunftsprognose

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In einer WDR-Dokumentation zeichnet sich ein düsteres Bild der Zukunft ab: Verdrängt Amazon bald alle Mitbewerber und weiß dann wirklich alles über die Kunden?

Zur Weihnachtszeit kaufen Millionen Deutsche Geschenke über Amazon, oft auf den letzten Drücker. Ein Streik der Gewerkschaft ver.di streut nun etwas Sand ins Getriebe von Amazon. In der WDR-Doku „Allmacht Amazon“ von Martin Herzog und Marko Rösseler geht es vor allem um die Schattenseiten des Internetriesen. Es ist ein düsterer Blick in die nahe Zukunft, über einen Konzern, der immer mächtiger wird. 

Die These der Dokumentation: Es wird der Tag kommen, an dem Amazon die Kunden besser kennt, als sie sich selbst. Der Online-Händler wertet das Kaufverhalten seiner Kunden systematisch aus und ist ein Meister darin, in den großen Datenmengen Konsum-Muster zu identifizieren. Möglicherweise würde Amazon bald sogar Produkte senden, bevor dem Kunden selbst sein Bedürfnis danach klar wird.

WDR-Doku: Amazon kann „gigantische Persönlichkeitsprofile“ erstellen

Wie detailliert das wirklich passiert, macht die Netzaktivistin Katharina Nocun deutlich. Für die Recherche für ein Buch kaufte Nocun ein Jahr fast nur über Amazon ein und schaute sich dort auch viele Artikel an. Dann forderte sie von dem Online-Händler ihre Daten ein. Letztlich erhielt sie eine Daten-CD, die ausgedruckt etwa 15.000 Seiten umfassen würde. „Amazon weiß sogar, wann ich im Urlaub war“, denn gespeichert wird auch das Land und der Netzanbieter, von dem aus man auf Amazon surft. Dabei hat Nocun nicht mal über Amazon Prime Serien oder Filme geschaut. Für die Datenschützerin ist das Ergebnis ihrer Recherche erschreckend: „Da kann man wirklich ein gigantisches Persönlichkeitsprofil über jemanden erstellen!“

Professor Heinemann in WDR-Doku: Amazon-Chef Jeff Bezos hat eine „riesige Macht“

Ähnlich düster sieht auch Handelsexperte Gerrit Heinemann die Zukunft mit Amazon. Der Professor der Hochschule Niederrhein forscht über den Leerstand in deutschen Städten. „Es gibt heute schon viele Klein- und Mittelstädte in denen wir eigentlich nicht mehr richtig einkaufen können“, sagt Heinemann. Vielleicht werde Amazon schon bald der einzige Händler sein, der dann noch übrig bleibe. Die Feuerwalze sei schon deutlich am Horizont zu erkennen. Das Problem: Amazon habe den Handel durch die Analyse von Big Data neu erfunden, viele andere Händler versuchen nun mühsam mitzuhalten. 

Der Oxford-Professor Viktor Mayer-Schönberger befürchtet ebenfalls eine gefährliche Konzentration auf dem Markt. Amazon-Chef Jeff Bezos habe mittlerweile „eine riesige Macht, die es ihm erlaubt, auch Preise zu drücken, Konditionen und Bedingungen vorzugeben für die Händler und Produzenten. Mehr und mehr stellt Amazon auch Produkte her und verkauft es unter den Namen Amazon.“

WDR-Doku: Experte befürchtet eine Amazon-Planwirtschaft

Mayer-Schönberger sorgt sich darum, dass das alles in einer Planwirtschaft mit einem allwissenden Händler enden könnte. Man müsse die Wurzel des Übels anpacken. „Die einzige Möglichkeit ist es, Amazon zu zwingen, die Daten anderen zugänglich zu machen“, sagt Mayer-Schönberger, also Mitbewerbern und Start-ups. Sonst werde Amazon konkurrenzlos. 

Zudem erweitert Amazon mehr und mehr sein Angebot. In den USA gibt es neben dem Online-Handel weitere Unternehmenstöchter wie Bücherläden, den weltweit größten Biomarkt (“Whole Foods Market“), eine eigene Flugzeugflotte (“Prime Air“), Versicherungen, ein Bezahlsystem, Filmstudios und noch vieles mehr. In immer mehr Lebensbereiche expandiert der Konzern.

Professorin: Amazon will das Privatleben der Kunden aussaugen 

Wirtschaftsprofessorin Shoshana Zuboiff von der Harvard Business School bezeichnet die Entwicklung als „Zeitalter des Überwachungskapitalismus“. Sinnbildlich hierfür sei Amazons Assistent Alexa, der allgegenwärtig sein will. Diese Form des Kapitalismus lebe davon, dass er das Privatleben der Kunden aussaugen wolle, um daraus Gewinn, Wissen und Macht für sich zu ziehen. Für Zuboiff ist er sogar eine „tiefgreifende Bedrohung für die Demokratie“. 

Das sagt Amazon zu der Analyse der Kundendaten auf Anfrage des WDR

Die Dokufilmer fragten auch bei Amazon eine Stellungnahme an, erhielten jedoch nur schriftliche Antworten. „Informationen über unsere Kunden sind ein wichtiger Teil unseres Geschäftes“,  teilte der Internet-Riese mit. Dies sei aber nur Mittel zum Zweck. „Wir nutzen Daten, um das Einkaufen und unsere Produkte bei Amazon besser und bequemer zu machen“

Über Zukunftspläne will sich die Firma nicht äußern. „Statt über die Zukunft zu spekulieren, orientieren wir uns lieber an den Dingen, die sich sicherlich nicht ändern werden. Für uns gehören dazu, dass unsere Kunden immer eine große Auswahl zu guten Preisen mit schneller Lieferung erhalten wollen.“ 

Hier können Sie sich die WDR-Dokumentation über Amazon anschauen: 

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Und das mitten im Weihnachtsgeschäft: An zwei deutschen Standorten von Amazon hat Verdi zum Streik aufgerufen. Es besteht die Gefahr, dass Weihnachtsgeschenke nicht rechtzeitig geliefert werden.

mag

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