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Krumme Gurken dürfen seit 2009 in der EU angeboten werden. Bis dahin war das per EU-Verordnung verboten.

Supermärkte bieten Testweise B-Ware an

Unschönes Obst & Gemüse sucht Käufer

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München - Krumme Gurken, Äpfel mit Macken und unförmige Karotten: Obst und Gemüse, das nicht der Norm entspricht, schafft es meistens nicht in den Handel. Das soll sich ändern.

In den Obst- und Gemüseabteilungen einiger Supermärkte liegen seit ein paar Tagen dreibeinige Karotten, krumme Gurken, unförmige Kartoffeln, zu kleine Zwiebeln und Äpfel mit Macken. Der Lebensmittelhändler Edeka und seine Discount-Tochter Netto verkaufen in Testmärkten Obst und Gemüse mit Schönheitsfehlern. „Keiner ist perfekt“ heißt das vierwöchige Pilotprojekt, das unter anderem in Bayern läuft. Kommt die Aktion bei den Kunden an, könnte knubbeliges Gemüse und fleckiges Obst bald dauerhaft im Supermarktregal liegen.

Die Ware stammt aus deutschem Anbau, ist qualitativ und geschmacklich einwandfrei – allerdings mit optischen Schönheitsfehlern versehen, heißt es bei Netto und Edeka. 25-29 Prozent günstiger als Standard-Artikel werde die Ware bei Netto angeboten, sagt Sprecherin Christina Stylianou, Sprecherin. Die Aktion läuft in einigen süddeutschen Filialen – unter anderem im Netto-Markt an der Neumarkter Straße in München. Edeka hat drei Testmärkte in Südbayern, die in Ingolstadt, Kempten und Augsburg liegen.

„Mit diesem einmonatigen Projekt sensibilisieren wir die Öffentlichkeit zum Thema Wertschätzung von Lebensmitteln“, sagt Stylianou. „Verbraucher entscheiden sich in der Regel vor Ort im Markt für die Ware, die am schönsten aussieht“, erläutert eine Edeka-Sprecherin. „Das Auge kauft mit und hat sich an bestimmte Normen gewöhnt.“

Dabei sind die Normen für Obst und Gemüse heute bei weitem nicht mehr so streng wie früher. Gewicht, Größe, Farbe und Form: Grundsätzlich bestimmt die EU-Vermarktungsnorm, was in den Handel darf. Seit 2009 erlaubt die Norm diverse Macken – unter anderem bei Karotten, Spargel, Kohl, Zucchini oder Gurken. Spargel darf mittlerweile auch im Supermarkt verkauft werden, wenn er lila verfärbt ist, Gurken dürfen krumm sein. Doch die Normen, die bis 2009 galten, haben die Verbraucher geprägt. Kunden greifen nach wie vor zur geraden Gurke. Der Handel richtet sich danach.

Schätzungsweise 20 bis 40 Prozent der Obst- und Gemüseernte schaffen es europaweit nicht in den Handel, weil die Ware den Ansprüchen der Verbraucher nicht genügt. Das bedeutet: Äpfel mit Flecken bleiben auf dem Feld liegen, krumme Karotten werden an Tiere verfüttert, unförmige Kartoffeln in der Industrie zu Kartoffelsalat verarbeitet – oder die Ware wird einfach weggeworfen.

In den Ländern der Europäischen Union landen jährlich 89 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll. Das macht 179 Kilogramm pro Bürger, wie die EU-Kommission kürzlich mitteilte. Als Gründe für die Verschwendung von Lebensmitteln nennt die Kommission unter anderem Überproduktion und Schönheitsfehler wie falsche Größe oder Form.

Neben Edeka und Netto haben auch andere Handelskonzerne Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung gestartet. Bereits seit Ende 2012 verkauft die britische Supermarkt-Kette Sainsbury´s zu klein geratene Erdbeeren und krumme Gurken. Das Motto lautet „We love ugly fruit and veg“ (Wir lieben hässliches Obst und Gemüse). In der Schweiz bietet die Supermarktkette Coop seit August unter der Marke „Ünique“ in gesonderten Regalen kleine und unförmige Obst- und Gemüsesorten an.

Bis zu 40 Prozent der Ernte schafft es nicht in den Supermarkt

Rewe verkauft in seinen österreichischen Supermärkten seit Anfang Oktober Obst und Gemüse mit eigenwilligem Aussehen. Äpfel, Karotten und Kartoffeln werden unter der Eigenmarke „Wunderlinge“ zu einem günstigeren Preis angeboten. Das Angebot soll saisonal wechseln. Die Reaktion der Kunden sei bisher positiv, sagt eine Sprecherin von Rewe International in Österreich. Möglicherweise startet das Projekt auch in Deutschland.

„Wir beobachten den Test, warten die Ergebnisse ab und entscheiden nach der Auswertung, ob man die Erfahrungen des österreichischen Marktes übertragen und eventuell auf dem deutschen Markt noch einmal einen ähnlichen Test durchführen kann“, sagt Marco Sandner, Sprecher der Rewe Group in Köln.

Ob „Ünique“, „Wunderlinge“ oder „Keiner ist perfekt“: Verbraucherschützer loben die Aktionen, die nebenbei auch gut für das Image der Handelsketten sind. Ob es die Projekte über die Pilot-Phase hinausschaffen, hängt allerdings alleine von der Kaufentscheidung der Kunden ab.

Manuela Dollinger

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