Unter freundlicher Aufsicht der Kollegen: Manager außer Kontrolle

- München - Henning Schulte-Noelle hat's gemacht, Hans-Jürgen Schinzler auch, Albrecht Schmidt ebenso und Heinrich von Pierer wird es tun. Der Wechsel eines Vorstands-Chefs zum Aufsichtsrats-Vorsitzenden seines Unternehmens ist in Deutschland Gewohnheit - eine Unsitte, wie Aktionärsvertreter kritisieren. Aufsichtsräte sollten die Manager überwachen und Anleger-Interessen vertreten - tun sie aber nicht, warnen die Organisationen.

<P>"Der Aufsichtsrat hat die Geschäftsführung zu überwachen", schreibt das deutsche Aktiengesetz vor. In der Praxis sieht es anders aus, kritisiert Willi Bender von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger: "Der Aufsichtsrat ist insgesamt zu einer Funktionärsgemeinschaft verkommen, in der Netzwerke ausgebaut oder gefestigt werden, statt den Eigentümern zu dienen."</P><P>Derzeit steht Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann vor Gericht, weil er als Mannesmann-Aufsichtsrat Millionenabfindungen für die Vorstände durchwinkte. Rolf Breuer wechselte vom Vorstand in den Aufsichtsrat der Deutschen Bank und blieb dort, obwohl er dem Institut durch ein Interview über Leo Kirch eine Schadensersatzklage einhandelte, die Milliarden kosten könnte. Und Ex-HypoVereinsbank-Chef Albrecht Schmidt übernahm den Aufsichtsrats-Vorsitz, obwohl das Institut unter seiner Führung die schwerste Krise der Unternehmensgeschichte durchlitten hatte.</P><P>"Eine der größten Schwachstellen ist, dass der Aufsichtsrat personell nicht richtig zusammengestellt ist", sagt Anlegerschützer Bender. Bei Unternehmen mit mehr als 2000 Beschäftigten im Inland steht die Hälfte der Aufsichtsrats-Sitze Arbeitnehmervertretern zu. "Damit ist gewährleistet, dass die Interessen der Menschen, die im Unternehmen arbeiten, nicht völlig den Aktionärsinteressen geopfert werden", argumentiert Klaus Luschtinetz, Betriebsrat und Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat von Infineon. "Es ist auch im Sinn des Aktionärs, wenn nicht nur nach kurzfristigen Gewinnen geschielt, sondern eine nachhaltige Unternehmensführung angestrebt wird." Aus Benders Sicht ist das unzureichend. Die Arbeitnehmervertreter würden weder für Entscheidungen haften, noch seien sie Eigentümer _ im Gegensatz zu Aktionären.</P><P>Die sollte zumindest der andere Teil des Aufsichtsrats vertreten. "Das findet aber nicht statt", sagt Bender. Neue Aufsichtsräte werden in der Regel vom Vorstand oder vom Aufsichtsrat selbst vorgeschlagen. "In vielen Fällen setzt sich die Kapitalseite des Aufsichtsrats aus ehemaligen Vorstandskollegen oder Kollegen aus Vorständen anderer Unternehmen zusammen. Und Kollegen üben nur sehr maßvolle Kontrolle aus." Bei der HypoVereinsbank etwa sind von zehn Aufsichtsräten der Kapitalseite neun (ehemalige) Vorstände. Einer von ihnen ist Albrecht Schmidt, der Ex-Chef des Instituts. In der Hälfte der 30 Unternehmen des Deutschen Aktienindex sitzt der ehemalige Konzernlenker als Chef-Kontrolleur. Der nächste wird Heinrich von Pierer bei Siemens sein.</P><P>Obwohl der Manager ein hohes Ansehen genießt, kritisiert Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz den Schritt als "unschön". Der neue Chef solle für falsch befinden dürfen, was sein Vorgänger gemacht habe. Diese Freiheit werde eingeschränkt. "Demokratie lebt von Veränderung, das sollte auch in der Wirtschaft so sein", sagt Bender. Er wünscht sich ein Gesetz, das eine dreijährige Übergangsphase zwischen Vorstands- und Aufsichtsrats-Vorsitz vorschreibt, wie EU-Kommissar Frits Bolkestein anregte. Zudem müssten die Fondsgesellschaften stärker für die Interessen ihrer Anleger eintreten. Sie haben zusammen mit Privatanlegern im Schnitt eine Drei-Viertel-Mehrheit bei den deutschen AGs. Trotzdem stimmen sie fast nie gegen die Vorschläge der Verwaltung auf Hauptversammlungen. Gerade mal vier haben sich bisher dort zu Wort gemeldet - von 80 in Deutschland.</P>

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