Unternehmen unter dem Hammer: Eine Zugspindeldrehbank gefällig?

- München - Wenn die Versteigerung erst mal läuft, zeigt sich schnell, wer zu Peter Hämmerles Widersachern gehört. Gerade hat er ein Metallablageregal, die Position Nummer 25, für einen Mindestpreis von 240 Euro ausgerufen. Da hebt der feiste Schnauzbart von hinten links seine Bieterkarte mit der 939 und kräht: "Ich nehm's für 200 Euro!" Hämmerle schüttelt den Kopf. "Nein, das reicht nicht", sagt er, als ob er einem Kind zum dritten Mal "Mensch ärgere dich nicht!" erklären muss.

Hier wird nicht gefeilscht - noch nicht.

Ein nasskalter Wintertag, Mittagszeit. Während im Berliner Bundestag die Abgeordneten Angela Merkel zur Kanzlerin wählen, kommt im Münchner Westen die Niederbichler Maschinenbau GmbH & Co. KG unter den Hammer. Etwa 70 Menschen sitzen auf mehreren Stuhlreihen in der Gaststube der "Sportalm Aubing", nur wenige Gehminuten vom bisherigen Firmensitz entfernt. Viele tragen Arbeitsschuhe, Blaumänner und öligen Schmutz unter den Fingernägeln. Zwei der wenigen Frauen im Raum servieren Radler und Kaffee.

Die Blicke haften auf einer 16-seitigen Liste, die jeder im Publikum in der Hand hält oder vor sich liegen hat. Darin ist die Geschäftsausstattung von Niederbichler aufgeführt: 408 Positionen samt Aufrufpreisen - vom Schreibtisch für einen Euro über eine Zugspindeldrehbank für 1600 bis zum Sahnestück des Tages, eine Fräsmaschine für 28 000 Euro. Vorne im Raum schreitet derweil ein Mann im Anzug und mit gegeltem Kurzhaar auf und ab. Ein Plastikbügel um seinen Hinterkopf hält ein kabelloses Mikrofon.

"Was Sie ersteigern, müssen Sie auch mitnehmen und bezahlen", hatte Peter Hämmerle durchgesagt, als er vor zehn Minuten mit einem Regal die Auktion eröffnete. "Bar oder mit bankbestätigtem Scheck." Aber bei den ersten Teilen gingen kaum Arme nach oben. Die drei Blechspinde wollte niemand haben, ebenso wie mehrere Schränke. Und jetzt versucht auch noch Schrotthändler 939, die Preise zu drücken. Doch Peter Hämmerle bleibt hart: "Dann bleiben die Sachen erst mal stehen."

Gefallen kann ihm das nicht. Denn der 42-Jährige ist mehr als ein Auktionator. Er leitet ein 15-Mann-Unternehmen in Erding, das kleine und mittelständische Firmen verwertet. Das heißt, wenn andere eingehen, kriegt Hämmerle, der nach eigener Aussage zu den Großen in der Branche zählt, Arbeit. Bei gut 40 000 Firmenpleiten jedes Jahr floriert das Geschäft.

Aber nicht nur Insolvenzverwalter rufen an. Manchmal melden sich auch die Inhaber, weil der Nachfolger fehlt. Oder, wenn wie bei Niederbichler die Konkurrenz aus Osteuropa Teile für die Autoindustrie so billig fertigt, dass ein alteingesessener Münchner Betrieb nicht mehr mithalten kann. Dabei lautet Hämmerles Auftrag stets: Hol' raus aus den Resten, was geht.

40 000 Pleiten jedes Jahr: Das Geschäft floriert

Sind die Wurzeln gesund, gelingt es mitunter, die angeschlagenen Gesellschaften komplett an Investoren zu verkaufen. Bei einer Druckerei in Schweinfurt blieben so zuletzt 35 Jobs erhalten. Häufig ist jedoch nichts mehr zu retten und Hämmerle muss reinen Tisch machen. Zunächst begutachtet er dann das Betriebsvermögen und stellt fest, was wie viel wert ist. Anschließend organisiert er einen Ausverkauf, so wie damals bei der fränkischen Kaufhauskette, als noch Waren für 20 Millionen im Keller lagen. Oder er ruft zur Auktion, wenn teure Maschinen übrig sind. In beiden Fällen wichtig: "Man muss gezielt in die Werbung gehen."

Auch für Niederbichler, mit zuletzt fünf Mitarbeitern ein kleiner Fisch, hat Hämmerle deswegen Anzeigen geschaltet und Einladungen verschickt. Und das lohnt sich schließlich noch.

"Sie müssen nur die Karten heben", witzelt er nach einer halben Stunde im Aubinger Vereinsheim. Und gerade als die ersten hochpreisigen Maschinen drankommen, gehen die durchnumerierten Pappen tatsächlich hoch. Dann deutet Hämmerle mit ausgestrecktem rechten Arm auf den, der am meisten bietet. Will keiner mehr zahlen, lässt er den Zeigefinger "zum Ersten", "zum Zweiten" und "zum Dritten" von oben nach unten durch die Luft sausen.

Nach einer Stunde nippt der Schnellsprecher zum ersten Mal am Wasserglas. Nach eineinhalb Stunden geht das Sahnestück für 35 000 Euro an einen Handwerker aus Freising. Und nach drei Stunden hat ein guter Teil der Firma Niederbichler für eine insgesamt sechsstellige Summe den Besitzer gewechselt. 15 Prozent der Erlöse verdient Hämmerle.

"Kommen Sie gut nach Hause", beendet er die Veranstaltung offiziell. Denn sobald er das Mikrofon abgelegt hat, startet der Nachverkauf.

Unter vier Augen lässt Hämmerle noch mal mit sich über übrig gebliebene Teile verhandeln. "Meist gibt es aber keinen Spielraum mehr", sagt er. Alles, was auch dann nicht weg geht, wird noch eine Zeit lang im Internet beworben. Schluss ist, wenn die Unternehmen aus ihrer Immobilie raus müssen, wo die Geräte in der Regel gelagert werden. Bei Niederbichler sollen dieser Tage die letzten Ladenhüter aus der Werkshalle geschafft werden. Auftrag erledigt.

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