Unternehmenssteuern: Schuldenlast wird einfach zum Gewinn erklärt

- München - Fünf Milliarden Euro im Jahr, mehr soll die Unternehmenssteuerreform, auf die sich die Fraktionen der großen Koalition gestern Nacht geeinigt haben, nicht kosten. Mittelfristig soll sie sogar aufkommensneutral sein - den Fiskus also um keinen Euro schlechter stellen. Dabei soll die Steuerlast der Unternehmen von knapp 40 auf knapp 30 Prozent fallen - also rund um ein Viertel. Wie kann das funktionieren - bei Unternehmenssteuer-Einnahmen von rund 100 Milliarden Euro?

Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück setzen auf zwei Modelle zur "Gegenfinanzierung". Selbstfinanzierungseffekte und eine Verbreiterung der Steuerbasis.

Das Prinzip Hoffnung

Wenn Unternehmen weniger Steuern auf jeden erwirtschafteten Euro zahlen, bleibt ihnen mehr Spielraum zu wirtschaften. Sie machen höhere Gewinne und führen unter dem Strich wieder etwas mehr ab. Diese Effekte sind unbestritten, allerdings gilt auch die Regel, dass Selbstfinanzierungseffekte Verluste durch eine Steuertarifsenkung meist nicht ausgleichen können.

Günstiger sieht das aus, wenn niedrige Steuern Unternehmen ins Land locken oder dazu motivieren, Gewinne, nicht ins Ausland zu verlagern. Das könnte unterm Strich zu Mehreinnahmen führen. Doch wagt Steinbrück den Tanz am finanzpolitischen Hochseil nicht ohne Netz.

Das Prinzip Vorsicht

Hier setzt die Verbreiterung der Steuerbasis an: Mehr Unternehmen sollen überhaupt Steuern zahlen, dann kann man die Sätze für jedes einzelne Unternehmen absenken. Was multinationale Konzerne in die Pflicht nehmen soll, die Milliardengewinne mit Tricks ins steuersparende Ausland transferieren, trifft auch Unternehmen, denen es gar nicht gut geht. Schuldzinsen die zwischen Konzerntüchtern aber auch an die Bank gezahlt werden, sollen künftig nur noch teilweise berücksichtigt werden. Geld, das nicht mehr da ist, wird auf diese Weise steuerrechtlich zum Gewinn. Das trifft Unternehmen in der Krise ebenso wie junge und besonders forschungsintensive High-Tech-Gründungen, die erst einmal viel (fremdes) Kapital einsetzen müssen, bevor sie echte Gewinne erwirtschaften können. So etwas zehrt Kapital auf. Das bereitet Reinhard Dörfler Sorgen, dem Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer für München und Oberbayern. Er hofft allerdings darauf, dass diese Elemente, die von der Koalition als Prüfungsaufträge beschlossen wurden, im Gesetzgebungsverfahren noch vom Tisch kommen.

Die Tarifänderungen dagegen findet er ebenso positiv, wie die geplante Besserstellung von Personengesellschaften. Auch diese sollen künftig für Gewinne, die im Unternehmen verbleiben, nur noch den niegrigeren Körperschaftssteuersatz abführen müssen.

Vor allem die Erweiterung der Gewerbesteuer "um substanzsteuerliche Anteile" kritisiert Hermann Sturm von der Union Mittelständischer Unternehmen. Hier sieht auch Jürgen Pfister, Chefvolkswirt der BayernLB, die Regierung "übers Ziel hinausschießen". Dagegen lobt er die sinkenden Steuertarife. Das deutsche Steuersystem sei damit wieder konkurrenzfähig. "Es ist nun leichter "Kapital in Deutschland zu halten."

Mehr Gnade in den Augen der Experten finden die Pläne zu einer Abgeltungssteuer (siehe Kasten). "Wir halten diese Lösung für geeignet, um eine unbürokratische und gleichmäßige Besteuerung zu gewährleisten", sagte Bayerns Sparkassenverbandspräsident Siegfried Naser. Stephan Götzl, Präsident des Genossenschaftsverbands Bayern sieht nun Rahmenbedingungen geschaffen "die mehr Steuergerechtigkeit und mehr Steuerehrlichkeit ermöglichen". Außerdem hofft er auf einen Beitrag zur Wiederherstellung des Bankgeheimnisses. "Das unsägliche Kontenabrufverfahren wird mit der Einführung der Abgeltungssteuer in weiten Teilen überflüssig."

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Fehlendes Bauteil stoppt Produktion in mehreren BMW-Werken
Kleine Ursache, große Wirkung - in den durchgetakteten Produktionssystemen der großen Autohersteller reicht schon ein fehlendes Bauteil, um die Bänder zu stoppen. Bei …
Fehlendes Bauteil stoppt Produktion in mehreren BMW-Werken
Ex-Arcandor-Chef zieht Antrag auf Haftverkürzung zurück
Berlin/Essen (dpa) - Der wegen Anstifung zur Untreue angeklagte frühere Arcandor-Chef Thomas Middelhoff zieht seinen Antrag auf Haftverkürzung zurück. Das sagte seine …
Ex-Arcandor-Chef zieht Antrag auf Haftverkürzung zurück
Bahn-Baustellen sollen Fahrgäste seltener ausbremsen
Mit Rekord-Investitionen steckt die Deutsche Bahn Milliarden in das Eisenbahnnetz. Doch ihre Konkurrenten murren. Sie wollen weniger Vollsperrungen. Und mehr Mitsprache.
Bahn-Baustellen sollen Fahrgäste seltener ausbremsen
Flixbus: Wohl keine höheren Ticketpreise
Berlin/München (dpa) - Kunden des größten deutschen Fernbus-Anbieters Flixbus müssen in diesem Jahr wohl nicht mit höheren Preisen für Tickets rechnen. Generell seien …
Flixbus: Wohl keine höheren Ticketpreise

Kommentare