Radikale Studie

Wegen Corona: Deutsche sollen mehr arbeiten und weniger Urlaub machen

  • Jonas Raab
    VonJonas Raab
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Um die tiefen Corona-Löcher in den öffentlichen Kassen zu stopfen, fordert das Institut der deutschen Wirtschaft eine gemeinschaftliche Kraftanstrengung.

Köln - „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt. Wir steigern das Bruttosozialprodukt.“ Das Institut der deutschen Wirtschaft (IW) besinnt sich auf den einstigen Nummer-1-Hit und regt inmitten der Urlaubszeit mit einer radikalen Studie an: Die Deutschen sollen mehr arbeiten und weniger Urlaub machen.

Hintergrund: Die Coronapandemie stoppte die „goldene Dekade“ am deutschen Arbeitsmarkt. Seit der Finanzkrise sank die Schuldenstandsquote - also das Verhältnis zwischen Staatsschulden und Wirtschaftsleistung - von 80 Prozent auf unter 60 Prozent. Anfang 2020 wurde dieser Trend gestoppt: Im ersten Corona-Jahr brach das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um knapp fünf Prozent ein, die Erwerbstätigenzahl schrumpfte mehr als ein Prozent und das Arbeitsvolumen brach um 4,7 Prozent ein.

Neue Studie: Deutschland arbeitet zu wenig - Schweiz als Fleiß-Vorbild

Um die tiefen Löcher in den öffentlichen Kassen zu stopfen, gibt es zwei Lösungsansätze. Der erste: mehr Steuern. Der zweite, und den hat das arbeitgebernahe Institut jetzt näher beleuchtet: mehr arbeiten. Aus einem Ländervergleich in der Schweiz und Schweden leitet das IW ein Plädoyer für längere Arbeitszeiten und weniger freie Tage ab.

In Deutschland arbeiten Beschäftigte im Durchschnitt etwa 34 Stunden pro Woche und haben 31 Tage Urlaub pro Jahr. Schweizer Arbeitnehmer arbeiten dagegen über 36 Stunden die Woche bei 25 Urlaubstagen. Übertrage man die schweizerische Wochenarbeitszeit und die Jahresarbeitswochen auf das deutsche Arbeitsmarktmodell ergäbe sich ein Potenzial von 7,7 Milliarden Stunden, erklärt das IW. Das wiederum lasse das BIP innerhalb von zehn Jahren um sechs Prozent steigen.

Mehr arbeiten, weniger Urlaub: Studie nimmt vor allem Frauen in den Fokus

„Der wesentliche Hebel liegt bei den Arbeitszeiten“, erklären die Verfasser der Studie. Das Potenzial könne unter anderem durch den Abbau unfreiwilliger Teilzeit oder eine Angleichung der Wochenarbeitszeit der Frauen an die der Männer ausgeschöpft werden. Dafür bedürfe es jedoch verbesserter Rahmenbedingungen: „Viele Frauen beispielsweise arbeiten unfreiwillig in Teilzeit, weil Kitaplätze fehlen. Allein für die Unter-Dreijährigen fehlen 340.000 Betreuungsplätze. Diese Versäumnisse aus den vergangenen Jahrzehnten kommen uns jetzt teuer zu stehen. Um die Krisenfolgen zu bewältigen, müssen wir jetzt alle mit anpacken“, erklärt Prof. Michael Hüther vom IW gegenüber Bild.

Prof. Lars Feld, ehemaliger Chef der Wirtschaftsweisen, zweifelt am Vorstoß des IW. Das Verlangen nach Work-Life-Balance würde eher dazu führen, dass die Menschen in Teilzeit ausweichen. „Ich setze zur Wohlstandssteigerung am ehesten auf Innovation“, sagte Feld zu Bild. Auch FDP-Fraktionsvize Michael Theurer ist skeptisch: „Höhere Wochenarbeitszeiten führen nicht automatisch zu höherer Produktivität.“ Er schlägt flexiblere Arbeitszeiten und individuelle Vereinbarungen in den Betrieben vor.

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