Urteilsverkündung im Chodorkowski-Prozess zieht sich hin

- Moskau - In dem seit fast einem Jahr andauernden Strafverfahren gegen den ehemaligen russischen Ölmagnaten Michail Chodorkowski zeichnet sich auch bei der Urteilsverkündung kein schnelles Ende ab. Die zuständige Richterin Irina Kolesnikowa verschob am Donnerstag, dem vierten Tag der Urteilverkündung, die Sitzung erneut nach wenigen Stunden. Nach Angaben der Verteidigung ist erst ein kleiner Teil der 1000-seitigen Urteilsschrift verlesen worden.

Der Prozess soll am Freitag weitergehen. Prozessbeobachter erwarten die Verkündung des Strafmaßes frühestens für kommende Woche.<BR><BR>Die Richterin wich am Donnerstag nach Angaben russischer Agenturen in ihrer Urteilsbegründung erstmals von den Forderungen der Staatsanwaltschaft ab. Bei der illegalen Privatisierung eines Chemie-Forschungsinstituts müsse ein milderer Betrugs-Paragraf des Strafgesetzbuches Anwendung finden, entschied Kolesnikowa. In diesem Anklagepunkt sei eine Mindeststrafe von vier Jahren Haft anstelle der von der Staatsanwaltschaft geforderten fünf Jahre angebracht.<BR><BR>Insgesamt sind Chodorkowski und sein Geschäftspartner Platon Lebedjew in insgesamt elf Punkten angeklagt, darunter Betrug, Steuerhinterziehung und Urkundenfälschung. Die Staatsanwaltschaft fordert für die Angeklagten die Höchststrafe von jeweils zehn Jahren.<BR><BR>Der frühere Regierungschef Michail Kasjanow übte deutliche Kritik an dem Verfahren gegen die frühere Yukos-Führung. "Das Ganze soll zeigen, dass es jeden so oder noch härter treffen kann", sagte der im Vorjahr von Präsident Wladimir Putin entlassene Kasjanow.<BR><BR>Vor dem Gerichtsgebäude im Norden Moskaus ließen Sicherheitskräfte erneut nur Gegner Chodorkowskis demonstrieren. Das vom Kreml gesteuerte Staatsfernsehen zeigte Bilder der Menschen im Rentenalter mit dem Hinweis, vor Gericht hätten "Werktätige ihre abfällige Meinung über den Angeklagten" kundgetan.<BR><BR>Nach russischem Prozessrecht wird das Strafmaß erst zum Ende der Urteilsverkündung verlesen. Im Gerichtssaal vertrieb sich der seit über eineinhalb Jahren in Untersuchungshaft sitzende Chodorkowski die Zeit, indem er sich mit Gesten mit seinen Verwandten unterhielt. Lebedjew löste derweil Kreuzworträtsel. Die beiden Ex-Eigentümer des Ölkonzerns Yukos müssen wie in Russland üblich vor Gericht in einem Gitterkäfig sitzen.

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