US-BankenKrise: Wie faule Kredite zur globalen Krise wurden

New York /München - Mit der Pleite von Lehman Brothers, der Übernahme von Merrill Lynch und Notenbank-Hilfen für den Versicherungsgiganten AIG hat die US-Finanzkrise einen neuen Höhepunkt erreicht. Womit müssen wir noch rechnen? Die wichtigsten Fragen und Antworten.

Was war Auslöser der Finanzmarktkrise?

Auslöser war das Platzen einer Spekulationsblase auf dem US-Immobilienmarkt. Banken hatten in Jahren niedriger Zinsen zunehmend schlecht absicherte Kredite für den Hauskauf oder -bau vergeben. Ende 2006 stiegen die Zinsen. Wegen sinkender Nachfrage rutschten die Immobilienpreise. Viele Subprime-Schuldner konnten ihre Kredite nicht mehr bedienen.

Wie kam es zu der Blase?

Die USA erlebten bis 2006 einen Immobilienboom. Angesichts jahrelang steigender Hauspreise nutzen immer mehr Amerikaner ihr Haus als Geldmaschine: Haus auf Pump kaufen und bald mit Gewinn verkaufen. Auch Banken, Anleger und Kreditvermittler verdienten. Das Problem: Die Sicherheiten wurden vernachlässigt. Zuletzt gab es Darlehen ohne jede Garantie außer dem Haus selbst ("subprime"-Kredite).

Erklärt das schon die weltweiten Auswirkungen?

Nein. Verschärft wurde die Situation durch waghalsige Konstruktionen: Um sich selbst zu refinanzieren, bündelten die Immobilienbanken die Kredite zu neuartigen Wertpapieren, die weltweit an Investoren verkauft werden - auch an europäische Banken.

Weshalb sind diese Papiere problematisch?

Kaum einer durchschaute die Produkte und ihre Risiken. Als mit dem Häusermarkt auch der Handel dieser Papiere komplett zusammenbrach, war es längst zu spät.

War der Zusammenbruch absehbar?

Experten haben schon vor einiger Zeit vor den Gefahren immer abenteuerlicherer Finanzkonstruktionen gewarnt. Das System beruht letztlich auf Glauben. Solange genügend Marktteilnehmer an den Wert der Produkte glauben, kann man sie handeln. Das System bricht zusammen, wenn das Vertrauen wegfällt.

Wann ist das passiert?

Mitte 2007: Immer mehr Subprime-Kredite platzten, das Vertrauen in den Wert der mit US-Hypothekenverträgen angeblich besicherten Papiere fiel in den Keller - und damit ihr Preis. In der Folge mussten Banken die Werte dieser Papiere in ihren Büchern teils drastisch nach unten berichtigen, mit der Folge tiefroter Zahlen in den Bilanzen.

Ist die Krise nun vorbei?

Ganz sicher nicht. Experten erwarten ein Schrumpfen der Finanzbranche in den USA um mindestens ein Viertel.

Hat das auch Folgen für die übrige Wirtschaft?

Wenn immer mehr Banken in Bedrängnis kommen, wirkt sich das auf andere Wirtschaftsbereiche ebenso aus: Kredite in den USA werden teurer und vorsichtiger vergeben. Aus der Kreditzurückhaltung könnte eine Kreditklemme werden.

Was ist für Deutschland zu erwarten?

Deutsche Banken haben nach Ansicht von Experten das Schlimmste wohl schon überstanden. Zwar sei auch bei den hiesigen Instituten noch mit weiteren Abschreibungen zu rechnen, wie der Bochumer Professor für Kreditwirtschaft, Stephan Paul, sagt. Doch diese würden nicht mehr wesentlich höher ausfallen als die bisherigen. Dennoch droht das Geschehen jenseits des Atlantiks auch das Wirtschaftsgeschehen in Deutschland zu beeinflussen: Nach Ansicht des ZEW könnte die ohnehin schwächelnde deutsche Konjunktur in Gefahr geraten.

Und wenn doch eine deutsche Bank Insolvenz anmeldet?

Freiwillige und gesetzliche Sicherungssysteme der Banken und Sparkassen sichern Kundengelder weitgehend ab. Grundsätzlich hat jeder Bankkunde Anspruch auf eine Entschädigung, die auf 90 Prozent der Einlagen, höchstens aber 20 000 Euro begrenzt ist. Die freiwilligen Sicherungssysteme bieten in der Regel eine Absicherung auch in Millionenhöhe.

Welche Einlagen sind geschützt?

Abgesichert sind bei einer Privatbank Spar-, Sicht- und Termineinlagen sowie Sparbriefe. Nicht geschützt sind hingegen Inhaberschuldverschreibungen. Anders sieht die Situation bei den Sparkassen und Genossenschaftsbanken aus. Hier sind neben Girokonten, Sparbüchern, Tagesgeldern, Sparbriefen auch Forderungen aus Wertpapiergeschäften wie Dividenden oder Verkaufserlöse geschützt.

Können Verbraucher also guten Gewissens ihr Geld bei deutschen Banken deponieren?

Thomas Bieler von der Verbraucherzentrale NRW urteilt, die Sicherungssysteme seien sehr gut. "Wer sein Geld auf einem Konto einer deutschen Bank hat, kann auch in Zeiten der Finanzmarktkrise weiter ruhig schlafen." Nur für den unwahrscheinlichen Fall, dass ein Flaggschiff von der Größenordung der Deutschen Bank einmal vor der Pleite stehe, müsse man sich Sorgen machen. "Bei einem solchen Super-Gau dürfte wohl auch der Einlagensicherungsfonds nicht mehr zur Absicherung ausreichen", erklärte der Bankexperte.

Werden sich die erneuten Turbulenzen auch auf deutsche Bankkunden auswirken?

Der einfache Bankkunde müsse wegen der Turbulenzen keine Befürchtungen haben, sagte Börsenexperte Wolfgang Gerke. André Kunkel vom Münchener Ifo-Institut erklärte, die von den USA ausgehende Finanzmarktkrise habe sich bisher kaum auf die Kreditvergabe für Unternehmen ausgewirkt.

Verbraucherschützer fürchten ein aggressiveres Werben der Geldinstitute um Privatkunden: "Um wieder Geld zu verdienen, werden die Banken eine Reihe neuer, aber sicherlich komplizierter Produkte verkaufen wollen." Hier müssten Bankkunden künftig besonders vorsichtig sein, sagte Bieler.

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