US-Immobilienkrise: Warum die Zentralbanken jetzt eingreifen

New York - Aus der begrenzten US-Immobilienkrise ist eine weltweite Angstwelle geworden. Die Aktienmärkte brechen rund um den Globus massiv ein.

Die Angst vor unübersehbaren Auswirkungen der amerikanischen Hypotheken-, Baumarkt- und Immobilien-Krise auf die Weltwirtschaft hat die globalen Finanzmärkte voll erfasst. Die Aktienbörsen befinden sich weltweit auf dem Rückzug. Als sicher geltende Staatsanleihen jeglicher Laufzeit sind stark gefragt. Anleger befürchten, dass die plötzlich festgefahrenen Finanzmärkte die Kreditvergabe erschweren und verteuern könnten. Dies könnte nach Auffassung von Konjunkturexperten das Wirtschaftswachstum in den USA und in exportorientierten Ländern wie Deutschland, Japan und anderen asiatischen Staaten reduzieren. Darunter würden auch die Unternehmensgewinne leiden.

Die beispiellose Übernahmewelle von Unternehmen jeder Größe auf Pump durch Privatinvestoren, die enormen Hedge-Fonds-Spekulationen und die gewaltigen Aktienrückkäufe amerikanischer Großkonzerne mit geliehenem Geld dürften sich kaum in gleichem Maße fortsetzen, da die Kredite sich verteuern und die Mittel knapper werden. All diese Faktoren hatten zuvor die weltweite Hausse an den Börsen jahrelang mit angekurbelt. Doch nicht nur Hedge-Fonds können betroffen sein. Mittlerweile kursieren ernstzunehmende Gerüchte, dass der Bieterstreit europäischer Finanzkonzerne um die holländische Bank ABN Amro ein unrühmliches Ende finden könnte, weil die Beteiligten - durchwegs ehrwürdige Geldhäuser - die Mittel dazu nicht mehr haben.

Die Notenbanken greifen momentan weltweit zu massiven Liquiditätsspritzen, um die Banken und die Geldmärkte mit ausreichender Liquidität zu versorgen. Die Europäische Zentralbank (EZB), die US-Notenbank "Fed" sowie die japanischen und australischen Zentralbanken haben seit Donnerstag die enorme Gesamtsumme von mehr als 200 Milliarden Euro verfügbar gemacht, um die in Aufruhr befindlichen globalen Kreditmärkte wieder einigermaßen zu beruhigen.

Während es früher einfach war, ein angeschlagenes Kreditinstitut auszumachen, kommen jetzt - so bemerken Finanzbeobachter - die Hiobsbotschaften über Verluste mit durch US-Hypothekenkredite abgesicherte Wertpapiere nur ganz langsam und tröpfchenweise heraus. Dies habe die globalen Finanzmärkte total verunsichert.

Das globale Finanzmarktsystem hat sich in den vergangenen zehn Jahren enorm verändert: Derivate-Produkte uferten aus und Schuldtitel jeglicher Art wurden auf zahllose Investoren in aller Welt weiterverteilt.

Oft wüssten Investoren nicht einmal, dass in ihren als erstklassig deklarierten festverzinslichen Wertpapieren häufig illiquide oder nicht einmal mehr bewertbare amerikanische Schuldtitel fein gestückelt mit verpackt seien, warnen Finanzexperten.

Weder die Banken noch die Notenbanken scheinen einen vollen Überblick darüber zu haben, welches Kreditinstitut, welcher Hedge-Fonds oder welcher andere Finanzdienstleister als nächster mit Verlustmeldungen für hochriskante Wertpapiere in seinem Portefeuille herauskommt. Oft sind diese Titel wegen momentan absolut fehlender Nachfrage nicht einmal mehr bewertbar, geschweige denn weiter verkaufbar, heißt es. Die Banken und anderen Kreditgeber halten sich mit Neukrediten und selbst mit gegenseitigen Tagesgeldausleihungen zurück, da sie ihre eigene Liquiditätsposition stärken wollen. Niemand traut dem anderen mehr, da die Gerüchtemühle an der Wall Street und den internationalen Finanzmärkten täglich neue potenzielle Opfer hochspielt.

In den USA stehen fast zehn Billionen Dollar Hypothekenkredite aus, davon rund ein Drittel mit schlechter oder nicht primärer Bonität. Der US-Baumarkt repräsentiert mit allen damit verbundenen anderen Branchen rund ein Viertel der US-Gesamtwirtschaft. Die US-Verbraucher, die mit ihren Ausgaben mehr als zwei Drittel der US-Gesamtwirtschaft tragen, sind bewusst zurückhaltender geworden. Damit erreichen die Folgen die Konjunktur.

Dies lässt sich an den rasant fallenden Immobilienpreisen und dem schlimmsten Baumarkt-Kollaps in der Geschichte ablesen, aber auch an schwachen Einzelhandels-Umsatzzahlen und dem schlechten US-Autoabsatz. 54 vom "Wall Street Journal" befragte Wirtschaftsweise erwarten im zweiten Halbjahr im Schnitt nur noch ein US-Wirtschaftswachstum von 2,2 Prozent gegenüber 3,4 Prozent hochgerechneter Jahresrate im zweiten Quartal.

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