US-Wirtschaft im Schockzustand

New York - Politiker standen an der Wall Street noch nie hoch im Kurs. Mit dem vorläufigen Scheitern des US-Rettungsplans für die Finanzbranche aber stürzte ihr Ansehen noch steiler ab als der Aktien-Leitindex Dow Jones.

Ökonomen warnen nun vor dem Schlimmsten: nicht nur für Banken, sondern für Amerikas gesamte Wirtschaft - mit weltweit noch dramatischeren Folgen als bisher.

"Warum nur spielen sie russisches Roulette?", fragte ein Broker in New York. Selbst bei den sonst abgebrühten Wertpapierhändlern sitzt der Schock tief. Das Notprogramm von US-Finanzminister Henry Paulson, einst selbst hoher Wall-Street-Boss, und Notenbank-Chef Ben Bernanke sollte die Abwärtsspirale der Märkte stoppen. Doch das Abstimmungsdebakel in Washington droht nun das Desaster nur noch zu beschleunigen.

Ökonom Robert Mundell von der Columbia-Universität: "Alle werden leiden: die Wall Street und die Main Street" - die Finanzwelt und jedermann. "Das Land lernte zuletzt den Preis finanziellen Scheiterns kennen. Jetzt wird es den Preis politischen Scheiterns kennenlernen", so das "Wall Street Journal", Leib- und Magenblatt der Wirtschaft.

Als Erstes werden weitere Finanzhäuser pleitegehen, prophezeien Experten. Neue Zusammenbrüche bei den noch rund 8400 US-Banken seien wahrscheinlich, sagt die Chefin der Einlagensicherung FDIC, Sheila Bair. Sie zählte bereits Ende Juni 117 gefährdete Institute. Schon wird über drohende Probleme der Einlagensicherung selbst spekuliert.

Dabei keimte gerade etwas Hoffnung: Große Konzerne wie Citigroup und J.P. Morgan Chase gehen zumindest wieder auf Schnäppchenjagd und kaufen gescheiterte Wettbewerber. Aus dem Scherbenhaufen könnte etwas Neues entstehen, hieß es am Montag zur Übernahme der Großbank Wachovia durch die Citigroup - kurz vor dem Nein zum Rettungspaket. Ob dies ohne das Hilfsprogramm so bleibt? Analysten befürchten ein verlorenes Jahrzehnt wie zuletzt während Japans schwerer Bankenkrise.

Der Infarkt der Finanzwelt könnte als Nächstes den Kreislauf der gesamten US-Wirtschaft ins Stocken bringen. Ohne Kredite geht nicht nur bei Banken gar nichts - zumal in den USA, die wie keine andere Volkswirtschaft vom Milchmann bis zum Staat auf Pump lebt. Die Arbeitslosenquote hat bereits ein Fünf-Jahres-Hoch erreicht - Tendenz steigend. "Wir werden eine deutliche Rezession durchleben, selbst wenn das Paket noch kommt", sagt Ex-Notenbanker Lyle Gramley. "Ohne das Gesetz könnten wir gar die schlimmste Rezession bekommen." Die Folge: Das Abwärtsrisiko auch für die weltweite Wirtschaft verschärfe sich, so Credit-Suisse-Expertin Kathleen Stephansen.

Dann würden in den USA auch ausländische Investoren wegbleiben, warnen Ökonomen. Sie pumpten zuletzt enorme Kapitalspritzen in US-Banken. Erst am Montag kamen von Japans Großbank Mitsubishi UFJ neun Milliarden Dollar für Morgan Stanley. Doch zahlreiche Geldgeber verloren angesichts der Kursstürze bisher viel Kapital und sind daher sauer. Zusätzliche politische Unwägbarkeiten wie jetzt sind da Gift.

Unmittelbar nach Bekanntwerden des Scheiterns war es an der Wall Street sogar kurzzeitig zu einem regelrechten Ausverkauf gekommen. Die Anleger flüchteten in den sicheren Hafen der Staatsanleihen und sorgten damit beim Dow Jones für einen absoluten Verlust von bis zu 777,68 Punkten - mehr als am 11. September 2001. Die europäischen Aktienmärkte hielten sich überraschend wacker. Zwar ging es kurz nach Öffnung der Börsen vielerorts stark nach unten, im Handelsverlauf erholten sich die Kurse jedoch kräftig.

Roland Freund

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