Vater geht, Sohn kommt: Wie bei Iwis der Generationswechsel klappt

- München - 40 Kilometer Ketten verlassen täglich die Werkhallen der Firma Iwis. Mit jedem neuen Tag werden damit die Steuerketten für mehr als 30 000 Autos geliefert. Aber auch in der Industrie selbst finden sie Verwendung. Sie treiben beispielsweise Förderbänder, Druckmaschinen oder Verpackungsanlagen an. Den geschäftsführenden Gesellschafter Johannes Winklhofer fasziniert dabei das komplexe unsichtbare Innenleben. "Man ahnt ja gar nicht, wie viele technische Details in einer äußerlich schlichten Kette stecken", sagt der 40-Jährige, der das Familienunternehmen Johann Winklhofer und Söhne GmbH & Co. KG - abgekürzt Iwis, das J wurde wegen des besseren Verständnisses zum I - seit 1999 in der vierten Generation führt.

"Mein Vater hat fast alles richtig gemacht."

Johannes Winklhofer

Den schmalen Grat zu finden zwischen Elastizität, hoher Zerreißfestigkeit und längstmöglicher Lebensdauer der Ketten, dieser Herausforderung hatte sich schon sein

Urgroßvater gestellt, Johann Baptist Winklhofer. 1916 gründete er das Unternehmen, schon bald wurde die Iwis Kette das Rückgrat des Betriebs.

Allerdings musste sich die jeweilige Geschäftsführung immer wieder den Strukturveränderungen des Marktes stellen und schnell reagieren. Waren es nämlich zu Beginn noch Fahrradketten, mit der zunächst Johann Baptist, ab 1933 seine Söhne Rudolf und Otto Winklhofer den Hauptumsatz der Gesellschaft machten, produzierten sie später überwiegend Mofa- und Motorradketten. "Mit der Verbreitung des Automobils brach der Firma dieser Markt wieder weg", so Winklhofer.

Vor allem dem Geschick seines Vaters Gerhard sei es zu verdanken, dass das Unternehmen heute so gut dasteht. Dabei ist es einem Zufall zu verdanken, dass Gerhard Winklhofer Ende 1963 in die Firma eintrat und von 1975 bis 1999 die Gesamtleitung übernahm. Eigentlich wollte er nämlich gar nicht in die väterlichen Fußstapfen treten. 1961 wanderte er mit seiner Frau nach Amerika aus. Prompt erhielt er, dem als "weißer Jahrgang" die Wehrpflicht in Deutschland erspart geblieben war, dort im Herbst 1963 einen Musterungsbescheid für die amerikanische Armee, die sich für Auseinandersetzungen in Vietnam rüstete. "Und ich hatte gewiss nicht die Absicht, die mir in Deutschland ersparte Wehrpflicht nun in Amerika zu absolvieren", schreibt er in seinem Buch "Iwis Ketten bewegen die Welt".

So ambitioniert dieser Buchtitel klingen mag, er hat seine Berechtigung. Iwis beherrscht heute mit zwei Mitbewerbern rund 80 Prozent des Weltmarktes für Automobil-Steuerketten. Der Umsatz lag 2004 bei 125 Millionen Euro, für 2007 hat sich Winklhofer zwischen 190 und 200 Millionen vorgenommen. Zu Gute kommt ihm dabei, dass sich derzeit ein Trend von Kunststoff-Zahnriemen hin zu den belastbareren Steuerketten aus Stahl entwickelt. So hat Iwis in den vergangenen Jahren in dieser Sparte, die 80 Prozent des Gesamtumsatzes der Firma ausmacht, ein zweistelliges Umsatzwachstum pro Jahr erzielt. 2005 werde er sich um die 15 Prozent einpendeln.

Wettbewerbsfaktor Mensch

Vor fünf Jahren hat Winklhofer für mehr als 30 Millionen Euro neben der Münchner Produktionsstätte in der Albert-Roßhaupter-Straße und der im tschechischen Strakonice das dritte Werk in Landsberg am Lech gebaut. Über 800 Mitarbeiter beschäftigt er insgesamt. Für ihn sind sie das Wichtigste an Iwis. "Wir sind nur durch das wettbewerbsfähig, was unsere Mitarbeiter im Kopf haben. Deshalb sollte man menschenfernes Management tunlichst vermeiden."

Stand denn für Johannes Winklhofer schon immer fest, dass er Verantwortung für so viele Menschen übernehmen und in den Familienbetrieb einsteigen würde? "Nein", sagt er, "das war ein längerer Prozess". Er wollte sich so ausbilden, dass er unabhängig ist von Iwis. So hat er denn auch nach dem Maschinenbau- und BWL-Studium zunächst in verschiedenen Firmen gearbeitet, unter anderem als Unternehmensberater. Als es dann so weit war, habe sein Vater gesagt. "Du kommst, ich geh'." Und tatsächlich zog Johannes gleich in das vom Vater geräumte Büro ein und übernahm auch dessen Sekretärin. "Am ersten Tag hat die Last der Historie mir schon zu schaffen gemacht."

Vater Gerhard Winklhofer hat sich allerdings nicht ganz aus der Firma zurückgezogen, heute noch begleitet der 71-Jährige das Unternehmen aktiv als Beiratsvorsitzender. "Mein Vater hat fast alles richtig gemacht", sagt Johannes Winklhofer.

Ob das auch für ihn gelten wird, hängt wesentlich davon ab, wie er sich auf die Zeit vorbereitet, wenn die Brennstoffzelle den Verbrennungsmotor möglicherweise mal abgelöst haben wird und damit Steuerketten nicht mehr so gefragt sind. "Wissenschaftlern zufolge ist in vielleicht 15 Jahren damit zu rechnen." Seine Forschungsabteilung tüftelt schon an Produkten für ein solches Szenario - mehr will er dazu nicht sagen. Vielleicht sitzt ja irgendwann einmal eines seiner beiden Kinder auf seinem Stuhl und sagt: "Mein Vater hat fast alles richtig gemacht..."

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