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Apotheken auf dem Land klagen über sinkende Einnahmen und steigende Kosten. Auch Notdienste sind weitaus weniger lukrativ als in der Stadt – machen aber genauso viel Arbeit.

Droht Apothekensterben auf dem Land?

München - Vielen Apotheken auf dem Land droht das Aus, warnen Apothekerverbände. Sie fordern mehr Geld. Die Krankenkassen lehnen dies strikt ab und verlangen konkrete Zahlen zum Verdienst der Apotheken.

Die rund 50.000 Apotheker in Deutschland sind derzeit auf die Liberalen nicht gut zu sprechen. Schuld ist ein gemeinsamer Vorstoß der FDP-Minister Philipp Rösler und Daniel Bahr. Danach soll das Honorar pro Medikamentenpackung um 25 Cent auf 8,35 Euro steigen. Für die Apotheker ein Affront. Die geplante Erhöhung sei „vollkommen unzureichend“, wettert der Präsident der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände (ABDA), Heinz-Günter Wolf. Er fordert eine Anhebung auf 9,14 Euro.

Die Vergütung der Apotheker ist in der Arzneimittelpreisverordnung genau geregelt. Für verschreibungspflichtige Medikamente darf ein Apotheker auf den Einkaufspreis drei Prozent aufschlagen. Damit sollen etwa Lagerkosten ausgeglichen werden. Dazu kommt der sogenannte Festzuschlag – pro Packung fertig produziertes Medikament derzeit 8,10 Euro. Seit 2004 wurden die Honorare nicht mehr angehoben.

Von den 8,10 müssen die Apotheker einen Abschlag von 2,05 Euro an die Krankenkassen zahlen. Um das Defizit im Gesundheitswesen auszugleichen, wurde der Zwangsrabatt 2011 um 30 Cent angehoben – ausgerechnet vom damaligen Gesundheitsminister Rösler.

Die Finanzlage der Kassen hat sich seitdem allerdings drastisch verbessert. Mehr als 20 Milliarden Euro haben Gesundheitsfonds und Krankenkassen derzeit auf der hohen Kante. Entsprechend drängen auch die Pharmazeuten auf ihren Anteil am Erfolg.

„Der Unternehmerlohn bewegt sich inzwischen fast nur noch auf dem Niveau angestellter Apotheker“, klagt der Vorsitzende des Bayerischen Apothekerverbandes, Hans-Peter Hubmann. Vor allem durch das schwarz-gelbe Arzneimittelsparpaket seien die Gewinne massiv eingebrochen, so Hubmann. „Eine Anpassung des Honorars ist dringend geboten, ja überfällig!“

Unionsfraktions-Vize Johannes Singhammer hält die geplante Honorar-Anhebung um 25 Cent zwar für ausreichend. Der CSU-Politiker plädiert allerdings für eine stärkere Förderung von Apotheken auf dem Land. „Um die Notdienste zu gewährleisten, brauchen wir eine flächendeckende Versorgung.“ Gerade für Apotheken auf dem Land sind Nacht- und Wochenenddienste jedoch wenig lukrativ. So liegt der Notdienstzuschlag bei 2,50 Euro. „Landapotheken haben oft weniger Patienten in den Nachtstunden, leisten jedoch die gleichen Dienste wie in der Stadt“, sagt Bayerns Gesundheitsminister Marcel Huber (CSU). Um die Apotheken im ländlichen Raum nachhaltig zu stärken, müssten Nacht- und Notdienste künftig pauschal vergütet werden.

Auch die Apothekerverbände fürchten ein Sterben der Apotheken auf dem Land. Derzeit gibt es in Bayern 3365 Apotheken – vor einem halben Jahr waren es noch 3386. Bundesweit sind rund 21 200 Apotheken registriert. ABDA-Präsident Wolf macht für den Rückgang vor allem die geringeren Einnahmen verantwortlich. „Wir betreiben Apotheken 2012 zu den Kosten von heute und den Einnahmen von vor acht Jahren.“ Allein die Lohnkosten seien seit 2004 um 18 Prozent gestiegen.

Apothekensterben auf dem Land – der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) hält die Warnungen für reichlich übertrieben. „Der im Vergleich zur Gesamtzahl aller Apotheken sehr moderate Rückgang ist nicht bedenklich“, sagt Florian Lanz, Sprecher des GKV-Spitzenverbandes, gegenüber unserer Zeitung. Im europäischen Vergleich habe Deutschland immer noch eine sehr hohe Apothekendichte. Den höchsten Versorgungsgrad hat Griechenland – hier kommen gerade mal 1200 Einwohner auf eine Apotheke. In Dänemark sind es 17 000 Einwohner, in Deutschland 3800.

Auch höhere Honorare lehnen die Kassen ab. Die geplante Anhebung um 25 Cent pro Packung würde die Versicherungen rund 150 Millionen Euro im Jahr kosten. „Bisher haben die Apotheker zu Umsatz, Gewinn und Betriebskosten keine belastbaren Daten vorgelegt“, sagt Lanz. „Einfach nur nach den Portemonnaies der Beitragszahler zu schielen ist kein überzeugendes Zukunftskonzept.“

Steffen Habit

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