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Auch ohne Tüten wird nach wie vor sehr viel Plastik verwendet. Foto: Bernd Settnik

Gebühr an der Ladenkasse wirkt

Verbrauch von Plastiktüten in Deutschland geht zurück

Manchmal können 15 oder 20 Cent eine große Wirkung haben. Zum Beispiel bei Plastiktüten: Die verwenden die Deutschen viel weniger, seit sie kaum mehr gratis zu haben sind. Umweltschützer freuen sich - und wollen mehr.

Berlin (dpa) - Ob Rucksack, Stoffbeutel oder Trolley: An deutschen Ladenkasse packen die Kunden ihren Einkauf immer öfter in eigene Taschen statt in Plastiktüten.

Die Zahl der verbrauchten Kunststoff-Tragetaschen ist im Jahr 2017 erneut deutlich zurückgegangen. 29 Tüten pro Kopf und Jahr wurden in Deutschland im vergangenen Jahr in Umlauf gebracht, ein Jahr zuvor waren es noch 45. Damit ging die Gesamtzahl der verbrauchten Plastiktüten um mehr als ein Drittel auf 2,4 Milliarden zurück.

Liegt das nun an den 15 oder 20 Cent, die Tüten in immer mehr Geschäften kosten, oder an einem gewachsenen Umwelt-Bewusstsein? Die Bundesumweltministerin freut es jedenfalls: "Einweg-Plastiktüten haben sich als überflüssig erwiesen.

Sie sind heute ein Auslaufmodell, auch weil es gute Alternativen gibt", sagte Svenja Schulze (SPD). Damit habe man eine Blaupause für andere unnötige Verpackungen und kurzlebige Kunststoffprodukte. "Am Ende sollten nur noch Kunststoffe verwendet werden, die sich einfach recyceln lassen."

Der Trend ist tatsächlich eindeutig, wie Zahlen der Gesellschaft für Verpackungsmarktforschung zeigen. Sieben Milliarden Tüten im Jahr 2000, 5,6 Milliarden im Jahr 2015, jetzt nur noch 2,4 Milliarden. Politik und Handel feiern das als Erfolg einer freiwilligen Selbstverpflichtung, die es seit Frühjahr 2016 gibt und der sich inzwischen 360 Unternehmen angeschlossen haben. Inhalt: Plastiktüten sollen nicht mehr umsonst über die Theke gehen.

"Viele große Handelsketten haben die Plastiktüte mittlerweile völlig abgeschafft. Das schlägt sich positiv in der Statistik nieder", sagte der Präsident des Einzelhandelsverbandes HDE, Josef Sanktjohanser. Dabei geht es bisher nur um Tragetaschen, wie man sie typischerweise an der Kasse bekommt, nicht um die dünnen, transparenten Tüten etwa für Obst und Gemüse. Diese "Hemdchentüten" sind von der Selbstverpflichtung nicht betroffen und auch nicht Teil der Statistik. Das Umweltministerium verweist darauf, dass für sie bereits Alternativen entwickelt würden, etwa Stoffnetze oder die Kennzeichnung der Produkte durch Laserverfahren.

Die EU macht Vorgaben zum Plastiktüten-Verbrauch, die Deutschland locker einhält. In der Brüsseler Richtlinie geht es um sogenannte leichte Kunststofftragetaschen mit einer Wandstärke bis zu 50 Mikrometern. Davon dürfen bis Ende 2025 höchstens 40 Stück pro Einwohner und Jahr verbraucht werden. In dieser Tüten-Kategorie liegt Deutschland schon jetzt bei 25 Tüten pro Kopf und Jahr.

Die gewaltigen Plastikmüll-Mengen und vor allem die Verschmutzung der Meere hat die Politik als schwerwiegendes Problem erkannt. Derzeit wird unter anderem in Brüssel über eine Plastiksteuer diskutiert. Schulze will keine pauschale Plastiksteuer, kann sich aber eine Extra-Abgabe etwa auf nicht recyclebare Verpackungen vorstellen. Kanzlerin Angela Merkel (CDU) ist von einer Plastiksteuer "noch nicht überzeugt", wie sie diese Woche im Bundestag sagte.

Die Grünen-Spitze dagegen nutzte die Gelegenheit, um für die Abgabe auf Plastikprodukte zu werben: "Politik wirkt, wenn sie will", sagte Parteichef Robert Habeck der Deutschen Presse-Agentur. "Wir müssen jetzt dranbleiben und eine EU-weite Plastiksteuer auf Wegwerfprodukte einführen." Nur mit zielgerichteten Maßnahmen bekomme man das Jahrhundertproblem Plastik in den Griff und stoppe die Vermüllung der Meere.

Die Zahl der deutschen Plastiktüten spielt in diesem Zusammenhang allerdings keine echte Rolle, denn sie landen selten im Meer. Deutschlands Anspruch ist aber, mit gutem Beispiel voranzugehen, wie Ex-Umweltministerin Barbara Hendricks betonte, als sie vor zwei Jahren die Selbstverpflichtung des Handels vorstellte.

Wie groß das globale Plastik-Problem ist, zeigte am Donnerstag unter anderem Greenpeace auf: In sieben von acht Wasserproben, die die Umweltorganisation während einer dreimonatigen Antarktis-Expedition genommen hatte, fanden sich Spuren von Mikroplastik. Zudem waren in sieben von neun Schneeproben giftige Chemikalien zu finden, die unter dem Kürzel PFAS oder PFC bekannt sind. Sie werden beispielsweise verwendet, um Outdoor-Bekleidung zu beschichten und bleiben über Jahre in der Umwelt.

"Die Antarktis mag uns als unberührte Wildnis erscheinen, doch auch dieses Ende der Welt ist schon verschmutzt durch Umweltgifte der Textilindustrie und die Rückstände des Plastikwahnsinns", sagt Thilo Maack, Meeresexperte bei Greenpeace. Neben den Mikroplastikproben fand die Umweltschutzorganisation zwischen den Eisbergen auch Plastikmüll der Fischerei wie Bojen, Netze und Planen.

Selbstverpflichtung

Bundesumweltministerium zur Plastiktüten-Vereinbarung

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