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Beschäftigte der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin fordern die Gründung einer Transfergesellschaft. Foto: Maurizio Gambarini

Kritik an Chef Winkelmann

Aufbau von Air-Berlin-Transfergesellschaft zieht sich hin

Noch sind die Millionen nicht zusammen, die Tausenden Air-Berlin-Mitarbeitern etwas Luft verschaffen könnten bei der Jobsuche. Die Sorge hat der Vorstandschef persönlich nicht - das bringt ihm Kritik ein.

Berlin (dpa) - Sie könnte einige tausend Air-Berlin-Mitarbeiter vorübergehend vor der Arbeitslosigkeit bewahren: Für eine Transfergesellschaft suchen die Verantwortlichen noch Geldgeber.

"Die Kosten liegen im zweistelligen Millionenbereich", sagte ein Air-Berlin-Sprecher. "Die genaue Summe hängt von der Mitarbeiterzahl ab." Bislang wollen sich Air Berlin und die Länder Berlin und Nordrhein-Westfalen an einer Transfergesellschaft beteiligen.

Die Lufthansa winkte jedoch ab. Eine Sprecherin verwies darauf, dass der Konzern 81 der zuletzt 134 Air-Berlin-Maschinen kauft und bis zu 3000 der etwa 8000 Beschäftigten einstellen will. Darüber hinaus ziehe das Unternehmen eine Beteiligung an einer Transfergesellschaft nicht in Betracht, hieß es.

NRW-Arbeitsminister Karl-Josef Laumann forderte, die beteiligten Firmen müssten "zumindest die Kosten für die Sozialversicherungsbeiträge tragen": Der CDU-Politiker sagte der "Rheinische Post", das entspreche einem Anteil von etwa 40 Prozent der Lohnkosten. "Die Bundesagentur für Arbeit würde das Transferkurzarbeitergeld in Höhe des Arbeitslosengeldes zahlen."

"Es geht vor allem darum, Zeit zu gewinnen, um die ehemaligen Beschäftigten der Airline an andere Arbeitgeber zu vermitteln", umschrieb Verdi-Bundesvorstandsmitglied Christine Behle die Aufgabe der Transfergesellschaft. "Jobbörsen, wie sie bereits stattfinden, sind auch hilfreich, lösen aber alleine das Problem nicht."

An diesem Donnerstag soll es in der Air-Berlin-Zentrale eine Jobmesse des Berliner Senats geben, bei der den Beschäftigten Stellen etwa bei Polizei, Bürgerämtern und Justizdienst angeboten werden.

"Auch nach dem Geschäftsabschluss mit der Lufthansa droht Tausenden Airberlinern die Arbeitslosigkeit", warnte Behle. Die Länder, darunter auch Bayern, wo es einen Technikstandort der Air Berlin gibt, müssten sich schnell über eine Transfergesellschaft abstimmen. Die Ministerpräsidenten der Länder treffen an diesem Donnerstag und Freitag in Saarbrücken zu ihrer Jahrestagung zusammen.

Der Chef der Verbraucherzentralen, Klaus Müller, forderte unterdessen, dass Air-Berlin-Chef Thomas Winkelmann auf sein Gehalt verzichtet - allerdings zugunsten der Kunden, deren Flugscheine verfallen. "Wenn Herr Winkelmann den nächsten Job antritt, zum Beispiel bei der Lufthansa, wäre es ein Zeichen des Anstands, wenn er sein Air-Berlin-Gehalt für die Entschädigung der Fluggäste spendete", sagte Müller dem "Handelsblatt".

Winkelmann war im Februar vom Lufthansa-Konzern nach Berlin gekommen. Sein Gehalt ist trotz Insolvenz für vier Jahre durch eine Bankgarantie von bis zu 4,5 Millionen Euro abgesichert.

Air Berlin wies Müllers Kritik zurück. Das Geld für die Bankgarantie sei vom Großaktionär Etihad gestellt worden und gehe nicht zulasten der Insolvenzmasse der Air Berlin. Durch die Garantie habe Etihad Winkelmann als erfahrenen Manager für vier Jahre binden und die Sanierungsbemühungen langfristig unterstützen wollen.

Auch Politiker kritisierten Winkelmann. "Die Raffke-Mentalität des Vorstandsvorsitzenden von Air Berlin ist erschreckend. In einer Situation, in der Tausende Mitarbeiter vor der Arbeitslosigkeit stehen, ist das einfach nur asozial", sagte Carsten Schneider, parlamentarischer Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, der "Welt". Nordrhein-Westfalens Arbeitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) sagte: "Ich verstehe, dass die Leute sauer sind. Die kleinen Mitarbeiter müssen um ihre Arbeitsplätze bangen, und gleichzeitig landet der Vorstand weich."

FDP-Präsidiumsmitglied Michael Theurer sprach von einem "skandalösen Verhalten" Winkelmanns, das die Fundamente der sozialen Marktwirtschaft untergrabe. Der Grünen-Verkehrsexperte Oliver Krischer sagte der Zeitung: "Solche langjährigen Verträge bei angeschlagenen Firmen gehen gar nicht. Als Air-Berlin-Beschäftigter wäre ich jetzt ziemlich sauer."

Unterdessen ziehen sich die Verhandlungen mit Easyjet hin. Das britische Unternehmen will 25 Flugzeuge übernehmen. Das Air-Berlin-Management will die Gläubiger am Dienstag nächster Woche über Käufer entscheiden lassen. Zeitdruck besteht zudem, weil Air Berlin zum Monatsende das Geld ausgeht. Nach dpa-Informationen soll mit weiteren Interessenten wie etwa Condor verhandelt werden, sollte es in dieser Woche keine Einigung mit Easyjet geben.

Bis Freitag werden auch noch Bieter für die Techniksparte der Air Berlin gesucht. Verhandlungen laufen unter anderem mit dem Berliner Logistiker Zeitfracht.

Air Berlin Pressemitteilungen

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