Verdi will das Ostergeschäft bestreiken

München/Berlin - In den Tarifverhandlungen im Einzelhandel bewegt sich nichts mehr. Viele Arbeitgeber zahlen den Beschäftigten deshalb freiwillig mehr Lohn. Verdi bläst in den kommenden Tagen in manchen Bundesländern dennoch zum Streik.

Im längsten Tarifkonflikt des deutschen Einzelhandels seit Jahrzehnten bröckelt die Front der Arbeitgeber. Nach Gewerkschaftsangaben sollen von März an nun auch die rund 20 000 Beschäftigten von Aldi Nord drei Prozent mehr Lohn und Gehalt bekommen.

Damit zahlt eine ganze Reihe von Handelskonzernen im Vorgriff auf einen Tarifabschluss ihren Mitarbeitern bereits deutlich mehr Geld, als das Arbeitgeberangebot des vergangenen Jahres von 1,7 Prozent vorsah. Eine drei vor dem Komma steht laut Verdi vorerst nach Rewe auch bei Otto, Hornbach und Ikea.

Mit Streiks im umsatzstarken Ostergeschäft will die Gewerkschaft nun den Druck auf andere große Unternehmen erhöhen, die sich bislang nicht bewegen. "Zu Ostern nehmen wir bundesweit wieder an Fahrt auf", kündigt Verdi-Sprecherin Cornelia Haß an. Verstärkt solle es Aktionen bei Real, Kaufland und Schlecker geben. Arbeitsniederlegungen sind in Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz und Hessen geplant. Ob sich die Kunden in Bayern auf Aktionen einstellen müssen, wollte die Gewerkschaft auf Nachfrage nicht mitteilen. Die Arbeitgeber im Freistaat rechnen vorerst nicht mit Streiks: "Ich weiß von keinen Aktionen", sagte der Sprecher des Landesverbands des Bayerischen Einzelhandels, Bernd Ohlmann, unserer Zeitung.

"Das Ostergeschäft steht vor der Tür und die Beschäftigten im Handel auch", kündigte hingegen Bernhard Schiederig von Verdi in Hessen an. Dort soll es in der Karwoche an jedem Verkaufstag Arbeitsniederlegungen geben. Am Dienstag sei zudem ein bundesweiter Streiktag bei Kauf- und Warenhäusern geplant, am Karsamstag sollen Supermärkte bestreikt werden. Schiedering: "Wir werden das Ostergeschäft intensiv nutzen, um die Arbeitgeber zum Einlenken zu bewegen."

Die Fronten in dem seit fast einem Jahr andauernden Tarifkonflikt sind verhärtet, eine Einigung ist nicht in Sicht. Wie schon bei ihrem Angebot im vergangenen Sommer pochen die Arbeitgeber weiter auf Einschnitte bei Spätzuschlägen. "Wir sind jederzeit zu Verhandlungen und zum Neuabschluss eines Tarifvertrages bereit ­ allerdings nur unter der Voraussetzung, dass dies auch die notwendige Neuregelung der Zuschlagsregelungen mit einschließt", sagt der Hauptgeschäftsführer des Branchenverbandes HDE, Stefan Genth.

Die neuen Streiks kommen dem Einzelhandel ungelegen, der nach dem desaströsen Umsatzminus von zwei Prozent 2007 heuer auf ein bescheidenes Umsatzplus von 0,5 Prozent hofft. Der HDE räumt ein, dass die Streiks den Betriebsfrieden und -abläufe stören. Beim zweitgrößten deutschen Handelskonzern Rewe und bei Aldi setzte Verdi in der Logistik an. Streiks in Lagern trifft Konzerne empfindlicher als im Laden selbst, wo sich auch mal der Chef an die Kasse setzt. Kein Wunder also, dass die nun fast ein Jahr dauernde Auseinandersetzung von der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wird als etwa der Streik im öffentlichen Dienst.

Ein Kompromiss bei dem Knackpunkt Zuschläge scheint bislang nur schwer möglich zu sein. Die Arbeitgeber argumentieren, dass sie Mitarbeitern nicht an den Geldbeutel wollen, da die Zuschläge in Form von Freizeit vergütet werden. Verdi-Vertreter halten dagegen, dass die in früheren Runden erkämpften freien Tage ein wichtiger Ausgleich für die Beschäftigten seien.

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