Verfahren eine Frage des Standorts?

- Düsseldorf - Kaum ein deutscher Wirtschafts-Strafprozess hat schon vor seinem Beginn so viel Aufsehen erregt. Der Termin für den Beginn des Verfahrens um die so genannte Mannesmann-Affäre ist noch völlig offen, da ist der Streit um die Anklage prominenter deutscher Wirtschaftsführer bereits voll entbrannt und wird auf höchster politischer Ebene ausgetragen. Immerhin haben Düsseldorfer Staatsanwälte mit dem Vorstandssprecher der Deutschen Bank, Josef Ackermann, den mächtigsten deutschen Banker vor den Kadi gebracht.

<P>Führende Vertreter aus Bundesregierung und Opposition haben sich besorgt zu Wort gemeldet. CDU-Chefin Angela Merkel sieht im Vorgehen der Justiz gar einen Schlag gegen den Wirtschaftsstandort Deutschland. Aus der Wirtschaft kommen Warnungen, die unternehmerische Freiheit nicht mit dem Strafgesetzbuch zu erdrücken.<BR><BR>Staatsanwälte und Richterschaft reagierten verärgert. Solche Äußerungen ließen "den gehörigen Respekt vor der Unabhängigkeit der dritten Gewalt vermissen", kritisierte der Deutsche Richterbund. Damit werde "der fatale Verdacht genährt, besonders einflussreiche Personen sollten Sonderrechte in Anspruch nehmen können".<BR><BR>Um Ausgleich bemühte sich Sparkassenpräsident Dietrich Hoppenstedt. Die Justiz müsse Untreue-Vorwürfen nachgehen können, betonte Hoppenstedt und warnte gleichzeitig davor, dies mit der Standort-Frage zu verknüpfen. <BR><BR>Mit der Zulassung der Anklage ist der Deutsche Bank-Chef in den Mittelpunkt des Geschehens gerückt. Das Düsseldorfer Landgericht gab gestern bekannt, dass es die Anklage gegen den Top-Manager wegen des Verdachts der Untreue in vollem Umfang zugelassen habe. Nicht nur Aktionärsschützer, auch die deutsche Bankenaufsicht treiben inzwischen Zweifel um, ob Ackermann mit einer solchen Hypothek seinen Job an der Spitze des größten deutschen Geldinstituts noch mit voller Sorgfalt bewältigen kann.<BR><BR>Die besondere Aufmerksamkeit des Gerichts lastet auf den Geschehnissen im damaligen Ausschuss des Mannesmann-Aufsichtsrats für Vorstandsangelegenheiten. Er segnete die üppigen Apanagen ab, die die einen als "international üblich" und die anderen als "Plünderung des Konzernvermögens" ansehen. Mitangeklagt ist unter anderen der ehemalige IG-Metall-Chef Klaus Zwickel.<BR><BR>Als Mitglied dieses Ausschusses soll der spätere Deutsche-Bank-Chef gemeinsam mit weiteren Angeklagten im Zuge der Rekord-Übernahme von Mannesmann durch Vodafone Abfindungen und Prämien in Höhe von 111 Millionen Mark (57 Millionen Euro) beschlossen haben.<BR><BR>Deutlich milder als die Ankläger sieht das Gericht dagegen die Rolle der einstigen Hauptfigur des Geschehens, des Ex-Mannesmann-Chefs Klaus Esser. Er kassierte mit insgesamt rund 30 Millionen Euro immerhin als Haupt-Nutznießer den Löwenanteil, während Ackermann von den umstrittenen Ausschüttungen keinen Cent sah. Dennoch soll gegen Esser nur noch wegen Beihilfe zur Untreue verhandelt werden. Die Version der Staatsanwaltschaft, der Konzernlenker habe zu Gunsten seines "goldenen Handschlags" Einfluss genommen, ist den Richtern der Wirtschafts-Strafkammer nicht hinreichend belegt.<BR></P>

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