Die Vergangenheit lebt

München - Leo Kirch mischt wieder im TV-Rechtehandel mit. Die Methoden erinnern dabei verblüffend an die vor den Zeiten seiner Pleite im Jahr 2002.

Reinhard Rauball brachte es auf den Punkt. "Die Vergangenheit hat keine entscheidende Rolle gespielt", sagte der Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL), nachdem sich die DFL mit Pleitier Leo Kirch handelseinig geworden war. Der bald 81-Jährige vermarktet bis 2015 für die DFL die Bundesligarechte und garantiert Milliardensummen, als wäre nichts gewesen.

2002 sahen die Befindlichkeiten der Liga anders aus. Das verschachtelte Kirch-Imperium war unter einer Schuldenlast von knapp sieben Milliarden Euro kollabiert. Kirchs vermeintlicher Geldsegen für die DFL versiegte über Nacht. Groß war die Not damals, als mancher Verein im Vertrauen auf üppige Fernsehgelder aus dem Senderreich des Medienmoguls teure Topspieler verpflichtet hatte, dann aber plötzlich eine dreistellige Millionensumme fehlte.

Eine Forderung über 350 Millionen Euro aus der Ära vor dem Jahr 2002 soll die DFL erst vor kurzem für 42 Millionen Euro an eine Bank abgetreten haben. Das ist nicht die einzige Erinnerung an eine unappetitliche Zeit. Kurz nach dem Kirch-Kollaps haben Staatsanwälte wegen Insolvenzdelikten ermittelt und dabei auch den Finanzvorstand einer Kirch-Holding verhaftet. Beraterverträge mit Politikern und Funktionären wurden ruchbar, ebenso ein Geheimvertrag mit dem FC Bayern, in dem dieser sich Lobby-Arbeit im Sinne Kirchs verschrieb. Fünf Jahre nach der Pleite warten viele Kirch-Partner noch immer auf Erlöse aus der Insolvenzmasse, während der Pleitier persönlich zu den 300 reichsten Deutschen gezählt wird. Nun blickt er zurück in die Zukunft.

Der Agentur, die kommendes Frühjahr erstmals die Bundesligarechte vermarkten soll, gab er den Namen Sirius. So hieß auch die erste von ihm Mitte der 50er-Jahre gegründete Firma, mit der er die TV-Rechte am italienischen Filmklassiker "La Strada" erwarb. Das Geld dafür hatte ihm seine Ehefrau Ruth geliehen, die dem charismatischen Zocker auch heute noch zur Seite steht. Ebenso wenig haben sich die Geschäftsmethoden des Medienkaufmanns gewandelt. Bekannt und berüchtigt war er für Geschäfte im Verborgenen, Strohmänner und andere Tricks am Rande der Legalität. Die heutige Sirius ist eine Tochter der Münchner KF 15 GmbH & Co. KG, die so heißt, weil sie in der Isar-Metropole in der Kardinal-Faulhaber-Straße 15 residiert. Kirch und sein als Ziehsohn geltender Lieblingsmanager Dieter Hahn sind KF-15-Geschäftsführer. Eigner der Firma sind offiziell Hahn und Kirchs Ehefrau.

KF 15 ist nicht nur Sirius-Mutter, sondern auch Anteilseigner bei der früheren Medienfirma EM.TV, die heute EM Sport Media heißt. Mit gut elf Prozent der EM-Anteile ist KF 15 dort seit Ende September größter Aktionär. Denn Kirch hat bis dahin verdeckt gehaltene Anteile an der Schweizer Highlight Communications gegen EM-Aktien getauscht und sich damit erstmals seit fünf Jahren wieder offiziell im Mediengeschäft zu erkennen gegeben (wir berichteten).

Mit den beiden Beteiligungssträngen von KF 15 zu Sirius und EM werden erste Ansätze eines Firmengeflechts sichtbar, das für die Zeit vor Kirchs Pleite typisch war. Mit im Grund wenig eigenem Einsatz möglichst viel kontrollieren, ist ein Grundprinzip, das sich nun wiederholt. Unter dem EM-Dach vereint sind bereits der Fernsehsender DSF, die auf Sportübertragungen spezialisierte Produktionsfirma Plazamedia und das Internetportal Sport1. Durch den maßgeblich von Kirch betriebenen Schulterschluss mit Highlight kommen der Sportrechtevermarkter Team, der die TV-Rechte für die Champions League besitzt, sowie die bekannte Filmfirma Constantin mit ins EM-Boot.

Beim jetzigen DFL-Deal über Sirius soll eine Bank garantieren, dass Kirch als Vermarkter bis 2015 minimal sechs Milliarden Euro an TV-Erlösen bei der DFL abliefert. Bislang ist die Bank unbekannt. "Nach allem, was man hören und lesen kann, handelt es sich dabei nicht um die Deutsche Bank", heißt es in Kirchs Umfeld lapidar. Auch ob oder in welchem Umfang Kirch für diese Garantie Sicherheiten hinterlegen muss, bleibt vorerst offen.

Kirch und Hahn bekommen ein Vermittlungshonorar und werden nach einem ungenannten Verteilschlüssel an den Lizenzeinnahmen beteiligt, die über einer halben Milliarde Euro per anno liegen, ist ein weiteres vages Detail, das sich Beteiligte abringen lassen. 420 Millionen Euro hat die DFL zuletzt jährlich für die Rechte kassiert. Nun gründet sie mit Sirius zusammen eine Firma, die künftig für die Produktion der TV-Fußballübertragungen zuständig ist. Mehrheitlich wird diese Sirius gehören und die Spiele nicht übertragen, sondern die Produktion im Auftrag vergeben, wie zu hören ist. Denkbar sei, damit Plazamedia zu betreuen, heißt es. Das ist die Firma, an der Kirch über KF 15 und EM beteiligt ist. Die Vergangenheit lebt.

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