Die verhängnisvolle Abhängigkeit Asiens von den USA

Tokio - "Wenn die USA einen Schnupfen bekommen, kriegt Asien eine Grippe" - Diese alte Ökonomen-Weisheit bewahrheitet sich in diesen Tagen einmal mehr aufs Neue.

 Die Sorge vor einer Rezession in der größten Volkswirtschaft der Welt und damit auf Asiens wichtigstem Absatzmarkt löste am Dienstag erneut Massenverkäufe in der gesamten Region aus. An der Leitbörse in Tokio brach der Nikkei-Index innerhalb von nur zwei Handelstagen um fast 1300 Punkte ein, ein Verlust von über neun Prozent und der heftigste seit 17 Jahren. "Es herrscht Panik. Die Investoren verkaufen, so schnell sie können", beschrieb Yutaka Shiraki, Aktienstratege bei Mitsubishi UFJ Securities laut der Agentur Kyodo den Börsencrash. Es könne ein Jahr dauern, "bis wir zurück sind, wo wir vergangene Woche waren", erklärte ein Analyst der Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg.

Dabei hatten sich die Aussichten der amerikanischen Wirtschaft bereits im Verlauf des vergangenen Jahres eingetrübt. "Die weiterhin optimistischen Anleger gingen aber davon aus, dass sich die stark wachsenden Länder Asiens, insbesondere China, von der amerikanischen Nachfrage nach ihren Exporten abkoppeln konnten", erklärt Martin Schulz, Ökonom beim Fujitsu Research Institute in Tokio. Doch genau diese fatale Hoffnung auf eine solche "Abkopplung" platzt gerade.

Insbesondere China ist weiter stark von der Nachfrage in den USA abhängig. Da die wirtschaftliche Entwicklung im Reich der Mitte sehr ungleichgewichtig verlaufe - mit einem extremen Boom in den Ballungszentren wie Schanghai und einer wesentlich langsameren Entwicklung auf dem Land - sei die Abhängigkeit von der US-Nachfrage wesentlich größer als häufig angenommen, so der Experte. Asiens Börsen gerieten daher aus zwei Richtungen in die Zange: Nicht nur internationale Investoren ziehen sich zurück, auch Asiens neureiche Spekulanten ziehen ihre Investitionen aus den zuvor boomenden Märkten ab.

Auch Japan wird von der Entwicklung in zweifacher Hinsicht getroffen. Schon während des gesamten vergangenen Jahres war das wirtschaftliche Wachstum des Landes fast ausschließlich von der ausländischen Nachfrage getragen worden. Nippons Unternehmen erwirtschaften einen Großteil ihrer Profite im Ausland und dabei zunehmend im restlichen Asien. Nachdem die Nachfrage aus den USA nach japanischen Autos und anderen Produkten bereits deutlich nachgelassen hat, "kommt jetzt noch das Gespenst einer Krise in ganz Ostasien", erklärt Schulz. Die nach wie vor schwächelnde Inlandsnachfrage könnte einen solchen Einbruch in China keinesfalls auffangen.

Hinzu komme, dass es auch von wirtschaftspolitischer Seite in Japan derzeit wenig Hoffnung gebe, dass eine mögliche Rezession erfolgreich bekämpft werden könnte, so Schulz. Für umfangreiche Konjunkturpakete fehlt ohnehin das Geld; Japans Staatsverschuldung beläuft sich bereits auf 160 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Kritiker bemängeln zudem, dass sich die Regierung des neuen Ministerpräsidenten Yasuo Fukuda in ihrem neuen Regierungsprogramm auf ein Flickwerk an Subventionen und Regionalförderungen konzentriert, ohne die großen Probleme wie die Reform der Rentenversicherung oder der Unternehmensbesteuerung anzugehen.

Doch trotz der gegenwärtigen Panik und der mittelfristig eingetrübten Aussichten haben sich viele Anleger in Asien ihren Grundoptimismus in Bezug auf die Entwicklung Asiens beibehalten. Auch wenn es gegenwärtig zu einer deutlichen Korrektur kommt, so bleiben die langfristigen Aussichten doch auf jeden Fall positiv", meint der Ökonom beim Fujitsu Research Institute. So könne und müsse China die Inlandsnachfrage deutlich ankurbeln, während die meisten anderen asiatischen Länder ihre Investitionsquote nach der Asienkrise von 1997 nach wie vor auf einem äußerst niedrigem Niveau gehalten hätten. "Jedes Land wird vermutlich mit wirtschaftlichen Maßnahmen aufwarten, um die scharfen Aktienrückgänge anzugehen", erklärte auch Katsuhiko Kodama, Stratege bei Toyo Securities, der Nachrichtenagentur Kyodo.

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