Verkehrte Welt an der Börse

- Moskau - Verfechter der Lehre von der freien Marktwirtschaft können über die Entwicklungen auf dem Boommarkt Russland nur den Kopf schütteln. Der Kreml hat den Staatskapitalismus wiederentdeckt und sackt ein profitables Unternehmen nach dem anderen ein. Analysten bejubeln die Renationalisierung. Als Präsident Wladimir Putin vor kurzem anordnete, die Flugzeugbauer in eine Staatsholding zu pressen, empfahlen Moskauer Broker prompt Aktien des ebenfalls betroffenen privaten Rüstungskonzerns Irkut zum Kauf.

Jüngste Übernahmefantasien beleben den Luftverkehrsmarkt. Der vom Kreml kontrollierte Konzern Aeroflot wolle die Staatsanteile an den größten Konkurrenten übernehmen, berichtete die Wirtschaftszeitung "Wedomosti" am Dienstag unter Berufung auf Manager der Hammer-und-Sichel-Airline. Das Brokerhaus UFG wertete das Projekt als "interessanten Vorschlag", mit dem Aeroflot sein nationales und internationales Geschäft deutlich ausbauen könne. Während die Börse zuletzt Gewinnmitnahmen verzeichnete, stiegen Aeroflot-Papiere nach Bekanntgabe der Übernahmepläne im Tagesverlauf um sechs Prozent an.

Beim Umkrempeln der russischen Eigentumsverhältnisse fing der Kreml mit dem Energiesektor an. Erst wurde der private Ölkonzern Yukos unter dem Vorwurf der Steuerhinterziehung zerschlagen und dessen unbequemer Chef Michail Chodorkowski ins Gefängnis gesteckt. Dann schlug die Stunde der Staatskonzerne: Nach einer undurchsichtigen Auktion sicherte sich Rosneft die wichtigste Yukos-Fördereinheit.

Das ganz große Geschäft des staatlichen RosneftKonzerns soll im Herbst kommen, wenn der Kreml einen Teil der Aktien an die Börse bringt. Analysten erwarten, dass der Börsengang bis zu 17 Milliarden Euro bringt. Das wäre ein Börsen-Weltrekord.

Der größte Gasproduzent der Welt, Gasprom, ging 2005 wieder mehrheitlich an den Staat und übernahm gleich den zu den Top Fünf der Branche zählenden Ölförderer Sibneft. Binnen weniger Monate steigerte der Staat seinen Anteil am Ölsektor von 6 auf 30 Prozent.

Ende des Vorjahres kamen die Autobauer dran. Unter der Führung des Rüstungsexporteurs Rosoboronexport sollen die maroden russischen Automarken rund um Lada international konkurrenzfähige Produkte hervorbringen. Die Nationalisierung der russischen Autoindustrie bekam postwendend der US-Konzern General Motors zu spüren. Die gemeinsame Produktion mit dem Lada-Mutterkonzern Awtowas werde eingestellt, teilte die neue Awtowas-Führung mit.

Was nach Wiedereinführung sozialistischer Kommandowirtschaft klingt, werten Marktbeobachter als clevere Positionierung auf dem Weltmarkt. "Das "Investieren mit dem Staat" ist eines der wichtigsten Börsenthemen für 2006", sagen die Analysten der Moskauer Alfa-Bank. Sie raten zum Kauf von Anteilen an Industrieunternehmen, die schon mehrheitlich dem Staat gehören oder auf der Kaufliste des Kremls stehen. Jene Konzerne zählten 2005 zu den absoluten Börsenlieblingen.

Der russische Staat ist 15 Jahre nach dem Zerfall der Sowjetunion wieder zum größten Anteilseigner aufgestiegen und hält etwa 30 Prozent aller Aktien. Das Gleichgewicht verschiebt sich zu Ungunsten der einst wichtigsten Eignergruppe der Oligarchen und Konzernvorstände. Der Staat tritt nach Einschätzung vieler Moskauer Wirtschaftsexperten als Garant dafür auf, dass seine Unternehmen Zugang zu den wertvollsten Ressourcen erhalten und von der lähmenden Bürokratie weitgehend verschont bleiben.

Auch die Flugzeugbauer sind an der Reihe. Konzerne wie Tupolew, Iljuschin, MiG und Suchoi, deren Blütezeit Jahrzehnte her ist, sollen zu einer schlagkräftigen Holding zusammengeschweißt werden. Vor allem die zivile Produktion liegt am Boden. 1989 bauten Iljuschin und Tupolew 1500 Flugzeuge. Im Jahr 2005 waren es noch zwei Dutzend.

Weitere Mega-Projekte warten schon. Marktbeobachter spekulieren, dass der staatliche Diamantenmonopolist Alrosa den weltweit größten Nickel- und Platinproduzenten Norilsk Nickel übernehmen wird.

Ausländische Investitionen sind willkommen, aber nur als Minderheitsbeteiligung. Das musste zuletzt der Siemens-Konzern erfahren. Die lange Zeit als sicher geltende Übernahme des Turbinenbauers Power Machines platzte, weil der Kreml den Konzern kurzerhand zum "strategisch wichtigen Unternehmen" erklärte. Siemens disponierte um und begnügt sich nun mit einer Beteiligung in Höhe von 25 Prozent an Power Machines.

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