Verkehrte Welt: Darum stützen höhere US-Zinsen Aktien und Euro

- München - Früher war alles ganz einfach: US-Notenbankchef Alan Greenspan erwähnte in einem Nebensatz, dass man zu gegebener Zeit daran denken könnte, die Zinsen maßvoll zu erhöhen - und weltweit gingen die Aktien in die Knie. Nun will die Welt des Geldes solch simplen Regeln einfach nicht mehr folgen: Greenspan erhöht den Leitzins zum zehnten Mal in Folge. Die Aktienmärkte feiern dies mit beschleunigt steigenden Kursen - verkehrte Welt.

Logisch wäre, was früher war: Wenn die Zinsen steigen, haben Verbraucher wie Investoren weniger Geld. Es wird weniger konsumiert und investiert. Die Unternehmen verdienen weniger. Und für alle, die doch Geld übrig haben, werden zinsabhängige Anlagen attraktiver als Aktien. Es gibt eigentlich nur gute Gründe, warum Aktienkurse fallen müssten, wenn die wichtigste Wirtschaftsnation der Welt die Leitzinsen anhebt.

Aber die Aktienkurse ziehen kräftig an. Warum? Immer mehr Anleger versuchen - wie beim Schachspiel - einen Zug weiterzudenken. Etwa so: Wenn Alan Greenspan die Zinsen anhebt, dann muss er von der robusten Verfassung der US-Wirtschaft überzeugt sein. Das würde bedeuten: Trotz knapperen Geldes wird konsumiert und investiert und Profit gemacht. Also Aktien kaufen.

Das Rezept funktioniert schon seit einigen Jahren recht gut. "90 Prozent der Ökonomie ist Psychologie" , sagt der ökonomische Volksmund. In den USA ist die Stimmung besser als die Lage: Trotz eines gigantischen Leistungsbilanzdefizits und obwohl jeder weiß, dass für die Party irgendwann bezahlt werden muss, wächst die Wirtschaft weiter.

Umgekehrt läuft die Sache in Europa: Die Stimmung ist schlecht. Doch die Lage ist - nimmt man die Unternehmensgewinne als Maßstab - so gut wie schon lange nicht mehr. Grund dafür sind kräftige Exporte in die USA - obwohl der starke Euro nach strenger Auslegung der reinen Lehre eine Bremse für die Exportwirtschaft sein müsste.

Doch auch hier beugt sich die einfache ökonomische Regel der Ausnahme: Europas Unternehmen haben vorgebaut. Zum einen durch Kostendisziplin in den Betrieben. Zum anderen nutzten sie mit der verlängerten Billig-Werkbank Osteuropa einen Standortvorteil, der im Inneren nur als Job-Killer wahrgenommen wird - aber global die Konkurrenzfähigkeit der Unternehmen steigert.

In Amerika werden europäische Aktien längst als lohnendes Investment wahrgenommen. Also wandert Kapital über den Atlantik nach Osten. Anfangs war die im Vergleich zu den USA zögerliche Börsenerholung der Hintergrund. Europa hat Nachholbedarf, hieß es. Dieser ist beinahe ausgeglichen. Doch sind die Gewinne vieler Unternehmen in Europa schneller gewachsen als die Aktienkurse. Damit bleiben diese Aktien attraktiv.

Das erklärt, warum auch ein drittes ökonomisches Gesetz scheinbar nicht mehr gilt: Wenn die Zinsen in Amerika höher sind als die in Europa, gehen die Geldströme in Richtung Amerika. Der Dollar müsste stark steigen. Doch auch dieses Gesetz wird ausgestochen: Das Geld wandert dorthin, wo es am meisten abwirft. Solange europäische Aktien üppige weitere Kurssteigerungen bei überschaubarem Risiko versprechen, stützen auch erneut steigende US-Zinsen den Dollar nicht - bis die Lage führenden US-Investoren zu heiß wird. Wann es so weit ist und man besser aussteigen sollte, kann leider keiner rechtzeitig sagen.

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