Geschäftspartner: Verlegerin Friede Springer musste am Freitag aussagen, wie es ihr 2002 gelungen ist, vom damaligen Deutsche-Bank-Chef Rolf Breuer (r.) einen Teil ihres Verlages zurückzukaufen, der zuvor Leo Kirch gehört hatte. dapd

Die Verlegerin im Zeugenstand

München - Sie ist die vielleicht letzte prominente Zeugin im Milliarden-Prozess der Kirch-Erben gegen die Deutsche Bank: Friede Springer. Die Verlegerin lieferte am Freitag vor Gericht eine gute Show.

Im November saß Friede Springer schon einmal auf diesem Stuhl in der Mitte des Saals 411 im Münchner Justizpalast, doch die Richter mussten die Verlegerin wieder nach Hause schicken, weil die Deutsche Bank einen Befangenheitsantrag gegen das Gericht gestellt hatte. Der wurde inzwischen abgelehnt und so sitzt Springer am Freitag wieder auf dem Platz im Zeugenstand. Sie trägt ein dunkelblaues Kostüm, wirkt schmal, man sieht ihr nicht an, dass sie 69 Jahre alt und eine der mächtigsten Frauen in der europäischen Medienbranche ist.

Dass sie inzwischen wieder den Großteil des Verlages kontrolliert, den ihr verstorbener Mann Axel Springer aufgebaut hat, verdankt Friede Springer auch der Pleite von Medien-Mogul Leo Kirch. Dem gehörten 40 Prozent des Springer-Verlages, als er 2002 Insolvenz anmelden musste. Kirch und seine Erben machen die Deutsche Bank und deren Ex-Vorstandschef Rolf Breuer für die Pleite verantwortlich. Breuer hatte in einem Fernsehinterview die Kreditwürdigkeit der Kirch-Gruppe angezweifelt. Seit zehn Jahren prozessieren Kirch und seine Erben, vor dem Oberlandesgericht München verlangen sie derzeit gut zwei Milliarden Euro Schadenersatz. Die Kirch-Anwälte argumentieren, dass es eine Verschwörung zur Zerschlagung der Unternehmensgruppe gegeben habe. Friede Springer habe zwar nicht zu den Verschwörern gehört, aber von der Insolvenz profitiert.

Die Version der Kirch-Seite geht so: Im Januar 2002 trafen sich Breuer, der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder, Ex-Bertelsmann-Chef Thomas Middelhoff und der inzwischen verstorbene WAZ-Verleger Erich Schumann in Hannover und sollen dabei verabredet haben, die Kirch-Gruppe aufzuteilen. Die Deutsche Bank habe durch Beratungsmandate an der Zerschlagung verdienen wollen. Breuers Interview sei Teil dieses Plans gewesen. Breuer beteuert, es habe sich bei seiner Äußerung um einen „Unfall“ gehandelt. Die Richter haben durchblicken lassen, dass sie nicht an einen reinen Unfall glauben.

Dass auch Friede Springer zu den Profiteuren gehörte, liegt daran, dass Kirchs Springer-Aktien bei der Pleite als Sicherheit an die Deutsche Bank gingen. Zunächst gab es am 8. Oktober 2002 eine Versteigerung des Aktienpakets im Hilton-Hotel in Frankfurt. Doch die Deutsche Bank ersteigerte die Beteiligung selbst, weil es keine Bieter gab. Noch am gleichen Tag verkaufte die Bank 10,4 Prozent des Verlages an Friede Springer weiter - für 53,50 Euro pro Aktie. Die Kirch-Seite hält diesen Preis für zu niedrig, die Deutsche Bank für angemessen. Doch die Richter interessiert vor allem eine andere Frage: Wann wurde der Verkauf der Aktien an Springer verabredet?

Sie habe schon Jahre vor der Kirch-Insolvenz Breuer signalisiert, dass sie Interesse an weiteren Verlags-Aktien habe, sollte Kirch „in Not geraten“, bestätigt Springer. Wann das genau war? „Mit Daten hab ich’ s nicht so“, sagt die Verlegerin. Sie gibt sich bewusst naiv. Als Richter Guido Kotschy protokollieren will, sie habe Interesse signalisiert, sollten die Aktien verwertet werden, unterbricht sie ihn. „Verwertet? Das Wort kenn ich gar nicht.“ Man kann sich vorstellen, dass schon mancher Geschäftspartner Friede Springer unterschätzt hat.

Leo Kirch gehörte wohl nicht dazu. Sie hätten ein „zeitweise gutes, freundschaftliches Verhältnis“ gehabt, sagt Springer. Mal habe sie von ihm Anteile kaufen wollen, mal umgekehrt. Einmal, erinnert sie sich, sei sie besorgt gewesen, weil sie gehört hatte, Kirch könnte seine Anteile an einen Sohn des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi verkaufen. Dann habe er sie aber wieder ihr angeboten. Doch bis zur Pleite kam es nie zu einem Rückkauf.

WAZ-Verleger Schumann habe sie nach dem Gespräch beim Kanzler besucht und vorgeschlagen, Kirchs Anteile „im Team“ zu kaufen. „Höflich wie ich bin, habe ich gesagt: Natürlich, kommen Sie gern vorbei“, sagt Springer. Den Vorschlag habe sie dann aber „glatt abgelehnt“. Ob sie denn gedacht habe, dass Kirchs Aktien zum Verkauf stehen - schließlich war der damals noch nicht pleite, will ein Richter wissen. „Das muss ich dann wohl gedacht haben, das muss Herr Schumann gedacht haben“, antwortet Springer. Absprachen mit der Deutschen Bank habe es vor dem Kauf des Aktienpakets aber nicht gegeben. Nachdem sie sich mit ihrem Anwalt beraten hat, schiebt Springer nach: „Natürlich haben meine Berater Gespräche mit der Deutschen Bank geführt.“ Als ihr die Richter vorhalten, dass der Preis schon Tage vor dem Verkauf vereinbart wurde, sagt sie nur: „Was die da im Hintergrund gemacht haben - ich weiß es nicht.“ Das zieht sich durch Springers Aussage: Sie selbst will keine Ahnung gehabt haben, was Berater und Verlags-Manager getan haben, an vieles kann sie sich gar nicht mehr erinnern.

Deutlich weiter bringt Springers Aussage die Richter nicht, doch die kündigen trotzdem ein baldiges Ende des Mammutverfahrens an. Noch zwei Prozesstage, dann sollen im Oktober die Plädoyers gehalten werden. Ein Urteil könnte noch dieses Jahr fallen.

Von Philipp Vetter

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