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Es gibt immer mehr Milliardäre auf der Welt. Der aktuelle „Milliardär-Census 2014“ weist eine Zunahme von sieben Prozent gegenüber dem Vorjahr aus. Die Studie hat der auf Hochvermögende spezialisierte Datenauswerter Wealth-X zusammen mit der Schweizer Bank UBS im Juni vorgestellt. Wealth-X kommt auf aktuell 2325 Milliardäre. Dabei zeigen sich regional interessante Unterschiede.

Vermögensforscher im Interview

Über die Angst der Milliardäre

Reichtum beruhigt und verpflichtet zugleich. Doch auch reiche Menschen haben Sorgen, sogar mehr als der Öffentlichkeit bewusst ist. Ein Gespräch mit dem Vermögensforscher Professor Dr. Thomas Druyen über Vermögenskultur und die Angst der Milliardäre.

Zugegeben, der Mann hat mich beeindruckt. Da ist einer, der über Geld ganz anders spricht als die Vertreter der Finanzindustrie. Fonds, Zertifikate, der Dax, die Börsen, das Eigenheim – all das, was für die meisten Bürger Vermögen darstellt, scheint im Wortschatz von Professor Dr. Thomas Druyen noch nicht einmal vorzukommen. Dabei ist der Düsseldorfer Wissenschaftler, der an der Sigmund Freud Privat Universität in Wien das „Institut für Vergleichende Vermögenskultur und Vermögenspsychologie“ führt, ein intimer Kenner der Bankenszene. Und es dürfte wohl kaum einen Menschen geben, der je mit so vielen Millionären und Milliardären gesprochen hat – von Berufs wegen.

"Die Reichen gibt es gar nicht"

„Ich habe persönlich mit rund 100 Milliardären und mehreren hundert Multimillionären intensive Gespräche geführt“, erzählt er mir an diesem Mittag bei einem Treffen in einem Café. Ganz unprätentiös, empathisch erzählt der Inhaber des weltweit einzigen Lehrstuhls für Vermögenspsychologie, was es mit den Reichen auf sich hat. Über ihren Reichtum, ihre Ängste, ihre Bedeutung für die Gesellschaft – und die vielen Vorurteile, die damit verbunden sind. Ein äußerst kurzweiliges Treffen, dessen Inhalte sich hier nur verkürzt wiedergeben lassen. Professor Druyen muss man erleben. Überhaupt „Die Reichen“, die gebe es als kohärente Gruppe gar nicht, erzählt der Vermögensforscher. „Zwischen hochvergüteten Vorstandsvorsitzenden und Börsengurus, zwischen Stahlmagnaten und Medienmoguln, zwischen Oligarchen und generösen Philanthropen, zwischen Familiendynastien und Filmstars liegen individuelle und biografische Welten.“ Professor Druyen wollte mehr wissen über den Reichtum auf dieser Welt und hat sich seit der Gründung des Lehrstuhls im Jahr 2007 an der Wiener Sigmund Freud Privatuniversität in der Forschungswelt einen Namen gemacht.

Weltweit 1.800 Milliardäre

Professor Dr. Thomas Druyen hat mit rund 100 Milliardären persönliche Gespräche geführt und kennt daher ihre Seelenlage.

Den Begriff Vermögenskultur, bei dem es vor allem um die qualitative Dimension des Reichtums geht, hat er geprägt. Und er ist der Sache auf den Grund gegangen, wissenschaftlich gründlich, aber auch mit einem ganz pragmatischen Ansatz: Er spricht mit den Reichen dieser Welt, stundenlang und immer unter strengster Diskretion. Auch ich erfahre nichts über die Identität seiner reicher „Probanden“ – absolutes Stillschweigen. Aber umso mehr über Charaktereigenschaften und welchen Einfluss Geld darauf hat. „Die Vermögenden dieser Welt unterscheiden sich fundamental. Deutsche Millionäre sind ganz anders als amerikanische, denn allein Kultur, politisches System, die Generation und Unternehmensbranche machen ebenso einen Unterschied aus wie Charakter, Familienverhältnisse und Religiosität“, betont der Wissenschaftler. Laut seinen Forschungen gibt es weltweit rund 1.800 Milliardäre, in Deutschland leben 130, keine schlechte Quote. „Aber von den 130 Milliardären sind sicherlich rund 100 der breiten Öffentlichkeit nicht bekannt“, schmunzelt er. Eine Gemeinsamkeit verbindet sie alle – sie sind „Weltbürger“, haben alle die internationale Brille auf und die Kinder der Superreichen werden von vornherein international erzogen.

"Angst vor Vermögensverlust ist extrem groß"

Dennoch gehen sie unterschiedlich mit ihrem Geld um. „Amerikanische Vermögende haben eine andere Lebenshaltung als die Europäer. Die Amerikaner haben ihr Land gemeinsam aufgebaut, der Unternehmer ist dort eine zentrale Figur – also wird viel gespendet, in den USA jährlich rund 300 Milliarden Dollar, in Deutschland gerade mal sieben Milliarden – aber wir haben ja auch ein gutes Sozialsystem.“ Und was empfinden die Reichen in Deutschland? „Hier ist die Angst vor Vermögensverlust extrem groß“, sagt der Professor mit Blick auf die wechselvolle deutsche Geschichte. „Es gibt eine Urangst in Deutschland, das man das, was man hat, verliert.

"Die meisten Reichen fühlen sich unsicher"

Ganz so unbegründet ist das nicht, denn es ist ein Mythos zu glauben: einmal Geld immer Geld – das stimmt nicht.“ Der Vermögensforscher erzählt von den Lottogewinnern der Nation, von denen mancher ein trauriges Schicksal erlitten hat. „Rund 75 Prozent der Lottogewinner haben nach fünf Jahren ihr Geld wieder verloren. Offensichtlich können die meisten Menschen mit Geld nicht umgehen!“ Das ist auch einer der Gründe, warum sich der Forscher vor allem mit der Psychologie der Reichen beschäftigt. Und mit den Vorurteilen der Gesellschaft: „Natürlich haben Reiche einen größeren Gestaltungsraum für ihr Leben, aber Sicherheit existiert auch für sie nicht. Deshalb fühlen sich die meisten Reichen auch unsicher“, ergänzt er. „Vor diesem Hintergrund entwickeln sich für die Vermögenden ganz andere Problemlagen, vor allem bei Werten, die man nicht kaufen kann, wie Familie, Liebe, Gesundheit, Kinder und Zukunft.“

Steuererhöhungen für Reiche bringen nichts

Druyen plädiert deshalb dafür, dass wir Deutschen die Merkmale der Neidgesellschaft dringend ablegen sollten. „Vermögen ist eine schwierige Herausforderung für den Charakter eines Menschen. Aber der überwiegende Teil der Reichen ist sich des Wertes von Vermögen für die Gesellschaft bewusst.“ Problematisch sieht der Vermögensforscher aber nicht nur die hohe Zahl an Armen, rund drei Milliarden sind es weltweit und in Deutschland gelten zwölf Prozent der Bevölkerung als arm. „Die weltweite Armut ist weiterhin skandalös. Doch noch mehr Zündstoff steckt im Konflikt zwischen den Superreichen und der Mittelschicht – hier geht die Schere immer weiter auseinander.“

Von Steuererhöhungen für Reiche hält der Forscher nicht viel. „Das generiert zu wenig Geld. Viel sinnvoller ist es, wenn Vermögende in Arbeitsplätze investieren, in Bildung und die Integration von Migranten“, lautet sein Credo. Genau das tun viele Vermögende schon, wie die wachsende Zahl von Stiftungen, Investitionen und Spenden in Forschung, Medizin und humanitäre Ziele zeigen. Druyen empfiehlt dennoch Vermögenden, sich in der eigenen Berufsbranche umzuschauen und dort Aus- und Fortbildungen konkret und nachhaltig zu unterstützen. Wir sprechen noch lange über die wichtige Rolle der Privatbankiers mit Charakter, die Vernetzung von Beratern, den Mangel an Vermögensbildung, und, und, und. Dann gehe ich glücklich und reich – an Informationen.

José Macias

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