Verschuldet heißt nicht vogelfrei

München - Während die gute Konjunktur die Zahl der Unternehmenspleiten seit Monaten sinken lässt, wächst die Zahl der Verbraucherinsolvenzen beständig an. Zwischen Januar und Mai 2007 stellten knapp 44 000 Bürger einen Antrag, wie das Statistische Bundesamt in Wiesbaden am Mittwoch mitteilte. Das waren 20 Prozent mehr als im selben Vorjahreszeitraum.

Grund für den Anstieg ist nach Ansicht von Experten einerseits, dass sich die Vorteile der 2001 überarbeiteten Privatinsolvenz herumgesprochen haben. Das Verfahren ermöglicht unter gewissen Umständen eine Komplettentschuldung in gut sechs Jahren. Zum anderen kämpfen trotz des wirtschaftlichen Aufschwungs nach Angaben der Caritas noch immer drei Millionen Haushalte in Deutschland mit einer Schuldenlast, die sie nicht mehr schultern können.

Wer selbst in der Bredoulie steckt, sollte schnellstmöglich den Gang zu einer kostenfreien Schuldnerberatung bei einem Wohlfahrtsverband, der Heimatstadt oder -gemeinde antreten. Die Adressen können Betroffene beim örtlichen Sozialamt oder auf der Internetseite www.meine-schulden.de einholen. Weil mit längeren Wartezeiten für ein ausführliches Gespräch zu rechnen ist, wie etwa das Rote Kreuz warnt, sollten sich Verschuldete bis zum Termin unter anderem an folgenden Ratschlägen orientieren:

Gerichtsvollzieher steht vor der Tür

Niemand muss den Vollzieher in die Wohnung lassen, wenn er das erste Mal klingelt. Auch beim zweiten Besuch darf der Zutritt verwehrt werden. Beim dritten Mal jedoch kann der Gerichtsvollzieher mit Schlüsseldienst und/oder Polizei anrücken und sich Zutritt zu den Räumlichkeiten verschaffen - vorausgesetzt er legt eine "Durchsuchungsanordnung" vor. Da die Unkosten schließlich doch bezahlt werden müssen, ist es in der Regel aber sinnvoll, es nicht so weit kommen zu lassen.

Der Vollzieher wird zunächst nach Bargeld forschen, das er aber nicht komplett mitnehmen darf, wenn es sich um Lohn oder Sozialleistungen handelt. Den unpfändbaren Anteil muss er herausrechnen (siehe unten). Dann sieht sich der Mann mit den Kuckucks "verwertbare Gegenstände" an, wie die gute Stereoanlage, den fast neuen Heimtrainer oder Schmuck. Den teuren 66-cm-Farbfernseher darf er auch mitnehmen, im Austausch muss er allerdings ein anderes Gerät besorgen.

Kleidung und Wäsche bleiben verschuldeten Menschen, ebenso das Fahrrad, die Uhr oder das Haustier. Das Auto aber könnte dran glauben müssen - wenn es nicht gelingt, klarzumachen, dass man es beruflich benötigt. Dasselbe gilt für den Computer. Wer mit der Beschlagnahmung bestimmter Gegenstände nicht einverstanden ist, kann dagegen beim Gericht angehen.

Das Gehalt wird gepfändet

Wenn Gläubiger den Lohn pfänden lassen, ist der Arbeitgeber verpflichtet, einen Teil des Verdienstes an sie zu überweisen. Was übrig bleibt, hängt vom Familienstand und der Verdiensthöhe ab und geht aus der Pfändungstabelle hervor, die alle zwei Jahre vom Bundesjustizministerium aktualisiert wird. Beispiele:

-Von 1400 Euro netto im Monat dürfen einem Alleinstehenden 329 Euro gepfändet werden. Muss der noch für einen Angehörigen aufkommen, gehen nur 60 Euro an die Gläubiger. Die restlichen 1340 Euro werden auf dem Konto des verschuldeten Arbeitnehmers gutgeschrieben.

-Bei 1800 Euro netto im Monat dürfen Alleinstehenden 609 Euro gepfändet werden. 260 Euro gehen an die Gläubiger, wenn Schuldner für einen Angehörigen zu sorgen haben. Mit 130 Euro müssen die Schulden bei Unterhaltspflichten für zwei Angehörige abgetragen werden.

Wichtig zu wissen: Pfändungen sind kein Kündigungsgrund. Kein Arbeitgeber darf einen Mitarbeiter wegen der Mehrarbeit, die durch die Pfändungen anfällt, entlassen. Er darf dafür auch keine Gebühren berechnen.

Bank sperrt das Girokonto

Kann schneller passieren, als einem lieb ist: Bank oder Sparkasse sperren das Konto. Der Kontoführer kann dann kein Geld mehr abheben, Daueraufträge werden nicht mehr ausgeführt. Angeleiert werden kann das von einer Firma, bei der noch Rechnungen offen sind. Doch Verbraucher können sich wehren, indem sie beim Amtsgericht beantragen, dass das pfändungsfreie Gehalt unangetastet bleibt. Dabei sollten sie das Gericht auch darum bitten, dass in den nächsten Monaten nicht mehr vom Konto an Ihren Gläubiger heruntergeht, als nach der Pfändungstabelle möglich ist.

Übrigens: Wer Sozialleistungen wie Arbeitslosengeld oder Sozialhilfe bezieht, dem darf in den ersten sieben Tagen nach der Gutschrift auf dem Konto niemand ans Geld.

Offenbarungseid leisten

Verschuldete beteuern damit vor Gericht, dass bei ihnen nicht mehr gepfändet werden kann. Auslöser einer solchen "Eidesstattlichen Versicherung" (früher: Offenbarungseid) ist ein Gläubiger, der mehrfach erfolglos versucht hat, zu pfänden. Das Gericht stellt eine Bescheinigung aus, die man Gläubigern schickt, damit diese bis auf Weiteres keine Pfändungen mehr veranlassen.

Weitere Infos zum Thema:

www.meine-schulden.de

www.schuldnerberatung-bayern.de

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