Versicherer bitten zur Kasse: Zehn Prozent mehr für Privatpatienten

- München -­ Die geplante Gesundheitsreform könnte viele der acht Millionen Privatversicherten in Deutschland teuer zu stehen kommen. Der Verband der Privaten Krankenversicherungen (PKV) erklärte, dass die Beitragssätze wegen des entscheidungsreifen Entwurfs der Großen Koalition um mindestens zehn Prozent steigen müssten. Die Bundesregierung und der Bund der Versicherten (BdV) widersprechen.

PKV-Vorstand Reinhold Schulte sagte in einem Zeitungs-Interview, dass wegen des vorgesehenen Umbaus des Gesundheitssystems die Tarife für Bestandskunden ab 2009 "um mindestens zehn Prozent oder mehr" steigen werden. Neukunden müssen nach seinen Worten mit im Schnitt zwölf Prozent mehr rechnen. Dies wäre nicht der erste Beitragsschock für Privatversicherte: Schon in den vergangenen Jahren hatten die Anbieter ihre Tarife teils deutlich angehoben. In Extremfällen verdoppelten sich die Sätze laut BdV sogar.

Verbands-Chef Schulte begründete die angedrohte erneute Erhöhung gegenüber der "Rheinischen Post" mit einer Änderung im Gesundheitssystem, die der vergangene Woche ausgehandelte Reformentwurf der Bundesregierung ab dem 1. Januar 2009 vorsieht: Kunden können bei einem Wechsel von einer privaten Kasse zur anderen künftig unter bestimmten Umständen einen Teil ihrer Altersrückstellungen mitnehmen. Dabei handelt es sich um Guthaben, das die Versicherung für den Kunden anspart, um die im Alter steigenden Krankheitskosten decken zu können. Dieses Geld verbleibt bisher beim Unternehmen, weswegen sich ein Wechsel gerade für Ältere nicht lohnt. Aufgrund des fehlenden Polsters würde die neue Versicherung erheblich höhere Beiträge verlangen.

Laut PKV müssen die Tarife steigen, weil die Kalkulationen der Versicherungen in Zukunft nicht mehr aufgeht. Bislang kommen nicht verbrauchte Rückstellungen -­ etwa im Todesfall eines Kunden -­ den anderen Versicherten zugute. Bei der Berechnung der Beitragssätze berücksichtigen die Assekuranzen solche sogenannten Stornogewinne. Fallen sie weg, fehlt Geld. "Dann gibt es Druck auf die Beiträge", heißt es beim PKV.

Das Bundesgesundheitsministerium in Berlin sieht das anders. "Unsinn" und nicht nachvollziehbar sei die Ankündigung der Versicherer, die Beiträge anzuheben. Ihnen würde durch die Mitnahme der Rückstellungen kein Geld entzogen, sagte eine Sprecherin des Ministeriums auf Nachfrage. Denn sie könnten künftig wechselwillige Kunden gewinnen, die dann ihre Rückstellungen mitbringen.

Auch der Bund der Versicherten übte Kritik. Sprecher Thorsten Rudnik stellte wegen der häufigen Beitragserhöhungen die Kalkulationen der Versicherungen grundsätzlich in Frage. Gleichzeitig wies er jedoch darauf hin, dass vermutlich nicht alle privaten Versicherer wegen der Gesundheitsreform die Beiträge erhöhen werden. "Es kann passieren, dass Anbieter mit ungünstigen Konditionen Probleme bekommen, aber gute Anbieter Kunden gewinnen", sagte Rudnik. Der Gesundheitsexperte des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Wolfgang Scholl, erklärte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass mögliche Beitragserhöhungen langfristig nicht zwingend zu höheren Belastungen führen.

Die Große Koalition hatte sich am Freitag nach zähen Verhandlungen darauf geeinigt, dass Bestandskunden der Privatversicherungen im ersten Halbjahr 2009 ihre Altersrückstellungen mitnehmen können. Neukunden sollen bei einem Wechsel künftig immer einen Teil der Guthaben behalten dürfen.

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