+
Sinkende Rendite: Wer derzeit eine Lebensversicherung abschließt, bekommt nur noch einen Garantiezins von 1,75 Prozent. Bald könnten es nur noch 1,25 Prozent sein. Zum Vergleich: Ende der 90er-Jahre gab es noch 4,0 Prozent.

Finanzen

Garantiezins: Das müssen Versicherte wissen

  • schließen

München - Die Lebensversicherung gerät weiter unter Druck: 2015 könnte der Garantiezins für Neuverträge von derzeit 1,75 auf 1,25 Prozent sinken. Versicherer mahnen zur Gelassenheit. Das letzte Wort hat die Bundesregierung.

Die Deutschen lieben Lebensversicherungen. Anderes lässt sich kaum erklären, dass es hierzulande mit rund 90 Millionen Verträgen mehr Policen als Einwohner gibt. Doch die bevorzugte Altersvorsorge der Deutschen steckt in der Krise. Verantwortlich sind die anhaltenden Niedrigzinsen. Für die Versicherungen wird es immer schwieriger, die hohen Garantiezinsen aus Altverträgen zu erwirtschaften. Die Deutsche Aktuarvereinigung, ein Zusammenschluss von Versicherungsmathematikern, hat daher empfohlen, 2015 den Garantiezins für Neuverträge von derzeit 1,75 auf 1,25 Prozent zu senken. Was dies für die Versicherten bedeutet – ein Überblick.

Was ist der Unterschied zwischen Garantiezins und Überschussbeteiligung?

Die Verzinsung von Lebensversicherungen setzt sich aus mehreren Bestandteilen zusammen. Der Garantiezins – im Fachjargon Höchstrechnungszins genannt – ist der maximale Zins, den Versicherer ihren Kunden garantieren dürfen. Der Garantiezins liegt seit Anfang 2012 bei 1,75 Prozent. Ende der 90er-Jahre lag er sogar bei 4,0 Prozent (siehe Grafik). Das heißt: Wer damals eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, hat weiterhin Anspruch auf diese hohe Rendite. Hinzu kommt die freiwillige Überschussbeteiligung. Während der Garantiezins offiziell festgelegt wird, ist die Überschussbeteiligung variabel. Sie richtet sich nach Wirtschaftslage und Erfolg der Geldanlagestrategie des Versicherers.

Wie hoch ist derzeit die Verzinsung bei Lebensversicherungen?

Die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung lag zuletzt im Schnitt unter 3,5 Prozent. Branchenprimus Allianz Leben hat für 2014 in der klassischen Lebensversicherung eine laufende Verzinsung von 3,6 Prozent zugesagt. Bei der neuen, im Sommer aufgelegten Lebensversicherung ohne Garantiezins liegt die laufende Verzinsung bei 3,7 Prozent. Bei Ergo soll die Rendite in diesem Jahr bei 3,2 Prozent liegen, die Kunden der Victoria bekommen 3,0 Prozent. Insgesamt rechnet die Ratingagentur Standard & Poor’s mit weiteren Kürzungen bei den Überschussbeteiligungen.

Wie wird die Höhe des Garantiezinses berechnet?

Die Versicherungsmathematiker der Deutschen Aktuarvereinigung legen für ihre Berechnungen die Rendite von europäischen Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren und einer sehr guten Bonität zugrunde. Der Garantiezins darf höchstens 60 Prozent dieses Wertes betragen. Das Problem: Aufgrund der Euro-Schuldenkrise ist die Rendite von Staatsanleihen mit hoher Bonität deutlich gesunken. Die Aktuarvereinigung hat ihre Empfehlung an das Bundesfinanzministerium geschickt, das gemeinsam mit der Finanzaufsicht Bafin über eine Absenkung entscheidet. Der Zeitpunkt steht noch nicht fest.

Was bedeutet die Empfehlung für Verbraucher?

Mit dem Garantiezins lässt sich nach Abzug der Verwaltungs- und Abschlusskosten derzeit die Inflation nicht mehr ausgleichen. „Wir erleben aktuell den Abschied von der klassischen deutschen Lebensversicherung“, sagt der Vorsitzende des Bundes der Versicherten, Axel Kleinlein. Er erwartet, dass die Versicherungen verstärkt neue Produkte ohne Garantien anpreisen. Entsprechende Policen haben Allianz und Ergo bereits im Sommer auf den Markt gebracht. Verbraucherschützer sehen die neuen Produkte allerdings äußerst kritisch.

Neukunden empfiehlt Kleinlein, genau zu prüfen, ob sie wirklich eine Lebensversicherung abschließen wollen. „Die klassische Lebensversicherung ist nicht geeignet für die Altersvorsorge.“ Von 100 Rentenversicherungen, die mit 35 Jahren abgeschlossen wurden, kommen im Schnitt nur drei zur Rentenauszahlung“, so Kleinlein. Rund 70 Prozent der Verträge würden vor der Auszahlung storniert.

Bestandskunden sollten sich allerdings nicht von der Diskussion verwirren lassen – „und auf keinen Fall überstürzt kündigen“, warnt Kleinlein. Gerade ältere Verträge mit einem Garantiezins von drei Prozent oder mehr sind weiter attraktiv. Denn so viel Zinsen gibt es derzeit quasi nirgendwo.

Was sagen die Versicherer?

Die Versicherungsbranche zeigt sich von der Empfehlung der Deutschen Aktuarvereinigung wenig überrascht. Eine Sprecherin von Allianz Leben betont, eine endgültige Entscheidung über eine Absenkung sei noch nicht gefallen. Der Garantiezins sei zudem nur eine Komponente bei der Rendite. Entscheidend für den Kunden sei die Gesamtverzinsung – also die Rendite inklusive der Überschussbeteiligung. Ergo sieht sich für eine möglich Absenkung des Garantiezinses gut gerüstet. Ein Sprecher verweist auf die neuen Produkte, die den Kunden „in allen Zinsphasen größere Renditechancen bieten als konventionelle Lebensversicherungen“.

Steffen Habit

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Trotz unerwartet starken Jahresstarts: US-Wirtschaft schwächelt
Deutlich besser ausgefallen als angenommen ist das Wirtschaftswachstum der Vereinigten Staaten unter Führung Trumps. Dennoch hat sie an Schwung verloren.
Trotz unerwartet starken Jahresstarts: US-Wirtschaft schwächelt
Dax geht etwas schwächer ins Wochenende
Frankfurt/Main (dpa) - Der Dax hat sich am Freitag mit leichten Verlusten ins Wochenende verabschiedet. Gute Wachstumszahlen aus der US-Wirtschaft halfen ihm, sein Minus …
Dax geht etwas schwächer ins Wochenende
„Vanille-Krise“: Schreck für Eisfreunde
Vanille ist die Lieblings-Eissorte der Deutschen. Bald könnten den Eisjüngern aber schmerzhafte Veränderungen ins Haus stehen.
„Vanille-Krise“: Schreck für Eisfreunde
Wirtschaftsforscher verteidigen deutschen Handelsüberschuss gegenüber USA
Auf dem G7-Gipfel kritisierte Donald Trump scharf den deutschen Handelsüberschuss gegenüber der USA. Jetzt reagiert das Institut der deutschen Wirtschaft Köln mit einer …
Wirtschaftsforscher verteidigen deutschen Handelsüberschuss gegenüber USA

Kommentare