Versicherungsverträge: mehr Geld und Rechte für Kunden

München - Das neue Jahr beginnt auch jenseits der Silvesterraketen mit einem Knaller: Nach 100 Jahren Versicherungsvertragsgesetz (VVG) tritt am 1. Januar die reformierte Fassung in Kraft. Kunden erhalten mehr Rechte und Schutz.

3090 Euro lässt sich durchschnittlich jeder Haushalt in Deutschland den Versicherungsschutz kosten. Viel Geld, das noch immer für unsinnige Policen wie Insassenunfallversicherung oder überteuerte Angebote wie Ausbildungsversicherung ausgegeben wird. Auf der anderen Seite fehlt in fast 30 Prozent aller Haushalte die private Haftpflichtversicherung.

Schlechte Beratungen und fehlende Informationen sind Gründe für diese Schieflage, wie Experten der Stiftung Warentest in Finanztest schreiben. Mit dem neuen VVG soll sich das ändern.

Beratungspflicht

Der Versicherungsberater muss mit Jahresbeginn die Kundenberatung dokumentieren. Hilfreich ist das von beiden Seiten unterzeichnete Protokoll dann, wenn der Kunde nach einer Falschberatung Schadenersatz durchsetzen will. Nur wenn der Kunde schriftlich auf Beratung verzichtet, kommt der Vermittler darum herum.

Doch welcher Kunde liest sich Informationsstoff durch? Hier wird ab Mitte des Jahres Abhilfe geschaffen, wie Hedwig Telkamp, Expertin bei der Verbraucherzentrale Bayern, erklärt: "Zum VVG gibt es eine Informationsverordnung. Das ist ein Produktinformationsblatt, auf dem alle wichtigen Infos auf einer Seite zusammengefasst sind."

Von der Beratungspflicht des VVG sind Direktversicherer und Versicherungsmakler allerdings ausgenommen.

Informationspflicht

Bisher musste der Kunde erst den Versicherungsvertrag unterschreiben und bekam dann Informationen sowie Police zugeschickt. Dieses Policenmodell ist mit dem 1. Januar ungültig. Dann müssen die Versicherungsunternehmen schon potenziellen Kunden vor dem Antrag alle Verbraucherinformationen aushändigen. Zudem müssen Versicherer ab Mitte 2008 Vertragskosten in Euro und Cent nennen. Prozentwerte reichen dann nicht mehr aus.

"Alles oder nichts"

Handelte ein Versicherungsteilnehmer bislang leicht fahrlässig, konnte das bislang zum Verlust des Versicherungsschutzes führen. Im neuen VVG ist ein abgestuftes Modell vorgesehen, das den Grad der Vernachlässigung berücksichtigt. Nur bei Vorsatz muss der Versicherer nichts zahlen.

Rücktrittsrecht

Der Kunde muss im Vertrag nur noch Fragen beantworten, nach denen er ausdrücklich gefragt wird. Bisher konnte ein Versicherer noch Jahre später vom Vertrag zurücktreten, wenn ein Kunde aus Unwissenheit gewisse Sachverhalte verschwiegen hatte. "Da war der Versicherungsteilnehmer schon in einer außerordentlich schwachen Position", sagt Versicherungs-Expertin Hedwig Telkamp.

Wenn Kunden grob fahrlässig ihre Pflichten verletzt haben, bekommen sie nun wenigstens einen Teil des Schadens ersetzt.

Lebensversicherung

Wer ab 2008 eine Kapitallebensversicherung oder private Rentenversicherung abschließt und bald wieder kündigt, bekommt einen Teil der eingezahlten Beträge zurück. In Zukunft müssen die Provisionen über fünf Jahre verteilt werden. Sonst war es üblich, dass die Abschlussprovisionen bei vorzeitiger Kündigung voll auf die ersten Beiträge verrechnet wurden - mit der Folge, dass der Rückkaufswert der Versicherung zu einem frühen Kündigungs-Zeitpunkt extrem ungünstig für den Kunden ausfiel. Es empfiehlt sich also, mit der Unterschrift bei Kapitallebensversicherungen und privaten Rentenversicherungen bis zum neuen Jahr zu warten. Ausnahme: Für die Riester-Rente gelten bereits jetzt günstigere Bedingungen.

Stille Reserven

Nach dem neuen VVG müssen Versicherte am Ende der Laufzeit erstmals an den stillen Reserven der Lebensversicherer beteiligt werden, und zwar mit bis zu 50 Prozent. Auch Altverträge sollen von der Regelung ab dem Jahr 2009 profitieren.

Diese Reserven entstehen, wenn ein Wertpapier an den Märkten höher gehandelt wird als der Wert, mit dem es in der Bilanz steht.

Alte Verträge

Für Verträge, die bis zum Jahresende 2007 abgeschlossen werden, gilt das neue VVG erst nach einem Übergangsjahr, also ab dem 31. Dezember 2008. Jedoch geht die kundenfreundlichere Berechnung der Rückkaufswerte an ihnen vorbei. Die heutigen Kunden der Lebensversicherung können noch immer leer ausgehen, wenn sie in den ersten Jahren kündigen. Ihr Rückkaufswert könnte im schlimmsten Fall gleich null sein.

"Wir als Verbraucherzentrale hätten uns die neuen Regelungen im Bereich der Kapitallebensversicherungen auch für die alten Verträge gewünscht", kritisiert Hedwig Helkamp. Dennoch: Die Verbraucherschützer bewerten das neue VVG "insgesamt als eine erhebliche Verbesserung" für den Verbraucher. 

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