Viel Arbeit für neuen Börsen-Chef

- Frankfurt/Main - Für den neuen Chef der Deutschen Börse, Reto Francioni, wird es eine angenehme Aufgabe sein, an diesem Dienstag (8.11.) die neuesten Zahlen des Finanzdienstleisters zu kommentieren. Denn bei der Börse brummen derzeit die Geschäfte: Analysten erwarten ein neues Rekordquartal bei Umsatz und Gewinn sowie eine Anhebung der Jahresprognose. Francioni ist für diese Erfolge allerdings nicht verantwortlich: Er hat gerade erst einmal vier Arbeitstage hinter sich.

In den kommenden Wochen muss der Börsen-Chef dann einige heikle Aufgaben lösen - zumindest, wenn es nach dem ebenfalls neuen Aufsichtsratsvorsitzenden Kurt Viermetz geht. Der "Über-Chef" hatte sich in den Wochen vor Francionis Amtsantritt in der Öffentlichkeit wenig zurückhaltend gezeigt und dem Schweizer Manager bereits die ersten Hausaufgaben erteilt. Dazu zählt vor allem eine Entscheidung über die Zukunft der amerikanischen Tochter Eurex US. Die Expansion nach Übersee habe "viel Geld gekostet und muss schnell bereinigt werden", mahnte Viermetz in einem Interview an.

Eurex US war ein Zögling von Francionis Vorgänger Werner Seifert, der im Mai auf Drängen von Großaktionären der Deutschen Börse zurückgetreten war. Seifert hatte damit begonnen, den einstigen Frankfurter Handelsplatz zu einem weltweit führenden Finanzdienstleister auszubauen. Mit dem Ableger der Terminbörse Eurex in Chicago, dem Mekka der Termingeschäfte, wollte er im Revier traditionsreicher amerikanischer Börsen wildern, die sich dem vollelektronischen Handel bisher verweigert hatten.

Doch die Konkurrenten nutzten die lange Vorbereitungszeit, um sich gegen den Eindringling zu rüsten, bis dieser im Februar 2004 an den Start ging. "Das Experiment hat nicht funktioniert. Eurex US konnte nie richtig Tritt fassen", resümiert Harrell Smith, Manager beim Beratungsunternehmen Celent in New York. Der Experte rechnet damit, dass sich Eurex demnächst aus den USA zurückzieht. Alternativ könnte die Deutsche Börse - so wird in Branchenkreisen spekuliert - das Engagement auf Sparflamme weiterkochen lassen, bis sich eine neue Chance bietet.

Auch bei einem weiteren Thema muss sich Francioni mit dem Erbe Seiferts beschäftigen: Nach dessen gescheiterter Übernahme der London Stock Exchange, des ehrwürdigen Handelsplatzes in der britischen Hauptstadt, braucht die Deutsche Börse eine neue Strategie für die Konsolidierung - also die denkbaren Zusammenschlüsse - unter den europäischen Börsen. "Einen ganz großen Wurf sehe ich erstmal nicht", meint Olaf Kayser, Analyst bei der Landesbank Rheinland-Pfalz. Dank der sprudelnden Gewinne habe Francioni zwar etwas Bedenkzeit. Allerdings könne sich bei einer schwächeren Börsenentwicklung schnell neuer Druck aufbauen, meint der Fachmann. Und vielleicht meldet sich ja auch Aufsichtsratschef Viermetz wieder zu Wort.

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