Wie viel Lärm man akzeptieren muss

München - Seilspringen von oben, laute Musik von rechts und Geschrei von unten - wer in der eigenen Wohnung ständig keine Ruhe findet, kommt nervlich schnell an seine Grenzen. Gegen manche Ruhestörung können Mieter und Eigentümer etwas tun. Gewisse Geräusche müssen sie aber - zumindest zeitweise - hinnehmen.

"Grundsätzlich haben Mieter in einem Mehrfamilienhaus Anspruch auf größtmögliche Ruhe", sagt Ulrich Ropertz, Sprecher des Deutschen Mieterbundes in Berlin. "Andererseits kann aber auch kein Mieter seine Wohnung völlig geräuschlos nutzen." Die Lösung lautet Rücksichtnahme: Mieter und Wohnungseigentümer müssen sich in einem Mehrfamilienhaus bemühen, die Nachbarn mit möglichst wenig Lärm zu belästigen.

Nachtruhe

Klar liegt der Fall grundsätzlich bei der Nachtruhe. Sie ist von 22 Uhr an einzuhalten. "Ab diesem Zeitpunkt dürfte grundsätzlich aus Nachbarwohnungen nichts mehr zu hören sein", sagt Ropertz. Radio und Stereoanlage sollten also entsprechend leise eingestellt werden. Wenn trotzdem immer wieder laute Musik, Hundegebell oder Streitereien von nebenan herüberschallen, können Mieter sich wehren.

Haushaltsgeräte

Dagegen ist der Lärm von Haushaltsgeräten grundsätzlich erst einmal hinzunehmen, wenn die Ruhezeiten über den Mittag und in der Nacht eingehalten werden, erläutert der Mieterbund. Das Amtsgericht Mainz habe aber zum Beispiel klargestellt, dass eine Waschmaschine ausnahmsweise auch nach 22 Uhr laufen darf. Denn Berufstätige hätten oft keine andere Möglichkeit, als spät am Abend zu waschen.

Kinder

Lärm von Kindern berechtigt in der Regel nicht zu einer Mietminderung. Bei übermäßigen Störungen - zum Beispiel, wenn Kinder ständig von Stühlen herunterspringen - kann nach einem Urteil des Landgerichts Köln aber die Miete gekürzt werden.

Beschwerden

Grundsätzlich ist der Vermieter der Ansprechpartner. Er ist in der Pflicht, wenn ein Gespräch die Nachbarn nicht zur Räson bringt. "Er muss dafür sorgen, dass die störenden Nachbarn stärker Rücksicht nehmen." Geschieht das nicht, können Mieter bei gravierenden Beeinträchtigungen langfristig die Miete kürzen. Das haben mehrere Gerichte entschieden. Das Amtsgericht Braunschweig hielt zum Beispiel eine Mietminderung um die Hälfte für angemessen, weil Wohngemeinschaften in einem Haus wiederholt erheblichen Lärm verursachten.

Neben der Minderung gibt es weitere Möglichkeiten, sich gegen Lärm im Haus zu wehren: "Theoretisch kann sich der Mieter auch direkt an seinen Nachbarn wenden und bei extremen Störungen einen Unterlassungsanspruch geltend machen", erläutert Ropertz. Außerdem könne rücksichtsloser Lärm als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld bestraft werden.

Das sind allerdings die nüchternen rechtlichen Möglichkeiten. Besser ist es, miteinander zu reden. Häufig könne im persönlichen Gespräch eine Lösung gefunden werden, sagt Jörn-Peter Jürgens vom Interessenverband Mieterschutz in Hannover. Wenn jemand ein Instrument spielt, könnten zum Beispiel feste Übungszeiten verabredet werden. "Erst wenn das nichts bringt, sollten sich Mieter an ihren Vermieter wenden."

Ein verbreiteter Irrglaube ist nach Erfahrung von Peters, dass es ein Recht darauf gibt, Partys zu feiern, deren Lautstärke die Nachbarn belästigt - zumindest in gewissem zeitlichen Abstand. Umgekehrt dürfe zwar täglich Besuch haben, wer es bei Zimmerlautstärke belässt. "Man sollte aber nicht unterschätzen, wie viel lauter es wird, wenn sich mehrere Menschen unterhalten und gemeinsam lachen." Rücksichtnahme könnte so aussehen, dass man Partys den Nachbarn rechtzeitig ankündigt.

Nicht nur Lautes stört

Aus Sicht des Eigentümerverbands Haus & Grund in Berlin kommt es bei der Einschätzung, welcher Lärm hinzunehmen ist, nicht allein auf die Lautstärke an. Denn das Bundesgesundheitsamt habe nachgewiesen, dass auch niedrige Lautstärken besonders störend sein können, erläutert Sprecher Stefan Diepenbrock. Ein Beispiel dafür sei der Fall eines Arztes aus Düsseldorf, der gern nachts badete. Darüber hatte sich der darunter wohnende Mieter beschwert, denn er musste sich das Planschen des Nachbarn bis 1 Uhr in der Nacht anhören. Diese Ruhestörung wurde als Ordnungswidrigkeit mit einem Bußgeld von 200 Euro geahndet.

Schallisolierung

Auch schlechte Schallisolierung kann für Lärm sorgen. Häufig trifft nicht allein die Mieter die Schuld daran, dass Nachbarn sich durch Geräusche aus der Nebenwohnung belästigt fühlen. In einem hellhörigen Haus dringt Lärm oft allzu leicht durch die Wände. Schon Schritte auf einem knarrenden oder quietschenden Parkett können in einem solchen Haus zur Nervenprobe werden. Eine bessere Schallisolierung können Mieter von ihrem Vermieter aber nur verlangen, wenn ein nachweisbarer Mangel vorliegt. Das ist von Haus zu Haus unterschiedlich zu bewerten: Es kommt darauf an, ob die Lärmschutzvorschriften eingehalten wurden, die zum Zeitpunkt des Hausbaus galten. Auch eine umfassende Modernisierung kann Maßgabe sein. In älteren Häusern müssen Mieter daher häufig mehr Lärm in Kauf nehmen.

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