Viel Wind um den Öko-Strom

- München - Als die Lichter in den USA und Italien im Sommer 2003 ausgingen, dürfte mancher Bundesbürger ein Loblied auf die deutschen Stromnetze gesungen haben. Nun warnt der Verband der Bayerischen Elektrizitätswirtschaft (VBEW) vor "kalifornischen Verhältnissen" und deutlich höheren Strompreisen. Schuld sind laut VBEW Gesetzesänderungen im Energiesektor.

<P>Die Förderung von Windkraft, Bioenergie und Erdwärme kostet den Verbraucher demnach schon jetzt deutlich mehr als einen Euro im Monat. Diese Zahl hatte Bundesumweltminister Jürgen Trittin (Grüne) genannt. Der Staat mache die Ware Strom teuer, beklagte VBEW-Geschäftsführer Christoph Prä¨el: "40 Prozent sind Steuern, Umlagen und Abgaben."<BR><BR>Seit 1998 kletterten die Preise um rund 400 Prozent auf das Niveau vor der Liberalisierung. Für die nächsten Jahre rechnet der Stromkonzern Eon Energie "mit massiven Preissteigerungen".<BR><BR>Die Unternehmen wollen ihre Mehrkosten auf die Verbraucher umlegen. Denn die Konzerne müssen den Öko-Strom nach dem Erneuerbare-Energien-Gesetz zu festen Preisen abnehmen und bevorzugt in die Netze einspeisen - solange er fließt. Fällt eine Windkraftanlage bei einer Flaute aus, dient Strom aus einer anderen Quelle als Ersatz. Die Kosten für eine konstante Versorgung schätzt der VBEW auf mehrere 100 Millionen Euro im Jahr, für Investitionen in die Netze wäre ein ähnlicher Betrag fällig.<BR><BR>In Bayern wanderten im Jahr 2002 rund 500 Millionen Euro in den Neubau und die Modernisierung von Kraftwerken. Das Bremer Institut für Energiewirtschaft schätzt den Bedarf, der sich durch den Atom-Ausstieg und die begrenzte Lebensdauer der Kraftwerke ergibt, bundesweit auf 40 bis 50 Milliarden Euro in den nächsten 25 Jahren. Wenn die Anbieter die Kosten scheuen und möglichst lange mit alten Anlagen arbeiten, gebe es Engpässe und Versorgungslücken wie im Ausland, droht die Energie-Lobby.<BR><BR>Vor Engpässen warnen die Konzerne auch im Zuge des Energiewirtschaftsgesetzes. Die Bundesregierung will damit eine EU-Richtlinie umsetzen. Nach den Brüsseler Vorgaben entscheidet künftig eine Regulierungsbehörde in jedem Land über den Zugang der Stromanbieter zu den Netzen und die dafür fälligen Entgelte. Im föderalen Deutschland ist dies eine Mammutaufgabe - allein im Freistaat gibt es 300 Versorger.<BR><BR>Deshalb fürchtet die bayerische Stromwirtschaft ein "bürokratisches Monster" und warnt vor Missmanagement: "Die größten Krisen in den Strommärkten wie in Kalifornien hatten ihre Ursache nicht im Versagen des Marktes, sondern in regulatorischen Fehlsteuerungen", sagte VBEW-Vorstandschef Herbert Dombrowsky.</P><P>Die Stromwirtschaft schiebt der Politik den schwarzen Peter zu. Doch Verbraucherschützer attackieren die Unternehmen selbst. Durch die Preiserhöhungen der vergangenen Jahre hätten sich die Stromversorger übermäßig bereichert, kritisierte Aribert Peters vom Bund der Energieverbraucher. Er vermisst Rückendeckung aus Berlin: "Der Gesetzentwurf schützt in nahezu allen Passagen die ohnehin starke Stellung der Verbundunternehmen."<BR><BR>Nach den rot-grünen Plänen soll der Anteil erneuerbarer Energien bis 2020 auf 20 Prozent steigen. Derzeit stammen über 30 Prozent aus Kernkraft, etwa sechs Prozent liefern die Windanlagen. Das Umweltministerium will bis 2012 etwa 50 Millionen Tonnen Kohlendioxid einsparen.<BR><BR>Indirekt käme mehr Klimaschutz auch dem Stromnetz zugute. Denn die klimabedingt immer trockeneren Sommer setzen den Wasserkraftwerken zu. Sie decken derzeit 16 Prozent des bayerischen Strombedarfs. Wegen des Jahrhundertsommers sank ihre Leistung 2003 um ganze 25 Prozent.</P>

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