"Viele Ärzte verschreiben zu teuer"

- Jede zweite Packung, die in einer Apotheke an Patienten abgegeben wird, ist ein Generikum - ein Nachahmer-Produkt. Die Sparte wird immer wichtiger, für die Medizin wie für die Konjunktur. Wir sprachen mit Hermann Hofmann, Geschäftsführer des Branchenverbands "Pro Generika".

Deutschland ist mit fünf Milliarden Euro der zweitgrößte Generikamarkt der Welt. Welche Rolle spielen Nachahmer-Produkte in der Arzneimittelversorgung?

Hermann Hofmann: Generika sind das Rückgrat der Arzneimittelversorgung. Heute können zwei Drittel aller chronischen Krankheiten nach neuestem Stand der Wissenschaft mit Generika therapiert werden. Die wirkstoffgleichen Arzneimittel verbinden gesichert beste Qualität mit günstigen Preisen.

Obwohl Nachahmer-Produkte deutlich billiger sind und die gleiche Wirkung haben wie Original-Präparate, liegt ihr Anteil nur bei 50 Prozent. Woran liegt es, dass deutsche Ärzte statt Generika häufig die in der Regel teureren Erstanbieter-Präparate verschreiben?

Hofmann: Da ist tatsächlich ein Problem. Denn auch in den Fällen, in denen es wirkstoffgleiche, aber preisgünstigere Alternativen gibt, verschreiben die Ärzte immer noch bei drei von zehn Verordnungen die teureren patentfreien Erstanbieter-Produkte. Wir haben die Gründe hierfür untersucht und dabei festgestellt, dass einige Ärzte immer noch Informationslücken zum Thema Generika haben. In anderen Fällen gibt die Gewohnheit der Patienten den Ausschlag: Manche wollen einfach nicht von der grünen auf die blaue Pille umgestellt werden ­- obwohl beide absolut gleichwertig sind. Das gilt besonders für Patienten, die aus dem Krankenhaus entlassen worden sind. Denn dort werden sie meist auf teure Arzneimittel eingestellt. Da müssen die Hausärzte oft viel Zeit und Engagement aufwenden, um ihre Patienten von einer teuren auf eine gleichwertige preiswertere Therapie umzustellen.

Ihre Branche fordert eine staatlich festgesetzte Quote: Künftig sollen mindestens in 85 Prozent der möglichen Fälle Generika verordnet werden. Haben wir nicht schon genug Dirigismus im Gesundheitswesen?

Hofmann: Doch, wir haben viel zu viel Dirigismus. Der ist aber überhaupt nicht effizient. Ein Beispiel: Im Jahr 2005 haben die Kassen allein durch den Einsatz von Generika 3,4 Milliarden Euro gespart. Das ist gut. Es wurden aber im gleichen Zeitraum rund 1,1 Milliarden Euro verschenkt, weil immer noch patentfreie Erstanbieter-Produkte eingesetzt wurden, die nicht besser wirken, aber deutlich teurer sind als Generika. Das ist schlecht. Und genau da setzt die Quote an. Die Krankenkassen haben ja nicht unbegrenzt Geld. Der Preisvorteil der Generika verschafft ihnen finanzielle Freiräume. Und den brauchen die Krankenkassen auch, damit sie den medizinischen Fortschritt dauerhaft finanzieren können.

Während sich Kassen und Ärzte lauthals über die Gesundheitsreform empören, kommt aus der Pharmaindustrie nur verhaltene Kritik. Die Branche ist wohl noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen . . .

Hofmann: Im Gegenteil: Der Arzneimittelmarkt ist in diesem Jahr ordentlich durcheinandergewirbelt worden. Das Arzneispargesetz hat schon im Frühjahr einen zusätzlichen Rabatt von zehn Prozent eingeführt, den die Generika-Hersteller den Krankenkassen abführen müssen. Dazu kommen in diesem Jahr erhebliche Preisabsenkungen von bis zu 53 Prozent. Rechnet man die Preissenkungen und die Maßnahmen des Sparpaketes zusammen, sind die Generika für die Krankenkassen insgesamt noch einmal um gut eine Milliarde preiswerter geworden. Das geht voll zu Lasten der Unternehmen. Mit der Gesundheitsreform forciert die Bundesregierung die direkten Verhandlungen zwischen Kassen und Herstellern um Rabatte. Das wird den ohnehin schon harten Wettbewerb im Generika-Bereich weiter verschärfen.

Bayern ist traditionell ein wichtiger Standort für die Pharma-Branche. Welche Bedeutung hat die Generika-Industrie?

Hofmann: Zahlreiche mittelständische Unternehmen wie beispielsweise Heumann in Nürnberg und Winthrop in Fürstenfeldbruck oder Spezialanbieter wie Mayne Pharma und Ribosepharm aus München haben ihren Sitz in Bayern. Die Firma Sandoz ist zusammen mit der zum Konzern gehörigen Hexal AG der größte Generika-Anbieter Deutschlands und der zweitgrößte weltweit. Sandoz hat seine internationale Konzernzentrale sogar von Wien nach Holzkirchen verlegt. Allein Hexal und Sandoz beschäftigen in Bayern an mehreren Standorten rund 1300 Mitarbeiter. Generika helfen damit nicht nur den Krankenkassen Geld zu sparen. Sie haben auch einen erheblichen Anteil am Ausbau des Wirtschaftsstandortes Bayern.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

VW kündigt Serienfertigung von E-Bulli und E-Transporter an
Volkswagen hat die Serienproduktion einer E-Variante seiner Neuauflage des VW Bulli angekündigt.
VW kündigt Serienfertigung von E-Bulli und E-Transporter an
Frühere Kaiser's Tengelmann-Märkte profitieren offenbar von Übernahme
Für viele noch ein ungewohnter Anblick: Die Kaiser‘s Tengelmann-Märkte verschwinden nach und nach. Edeka und REWE übernahmen die Märkte. Und das offenbar mit Erfolg.
Frühere Kaiser's Tengelmann-Märkte profitieren offenbar von Übernahme
Air Berlin: Monopolkommission warnt vor Bevorzugung der Lufthansa
Im Ringen um die Aufteilung der insolventen Fluggesellschaft Air Berlin hat der Vorsitzende der Monopolkommission, Achim Wambach, vor einer politisch motivierten …
Air Berlin: Monopolkommission warnt vor Bevorzugung der Lufthansa
VW will E-Bulli ab 2022 in Serie produzieren
Pebble Beach (dpa) - Volkswagen entwickelt seinen E-Bulli ID Buzz für die Serienproduktion weiter. "Er ist eine wichtige Säule in der Elektro-Offensive von Volkswagen …
VW will E-Bulli ab 2022 in Serie produzieren

Kommentare