Studie

„Viele Finanzberater nur Verkäufer“

Stuttgart - Riester-Rente, Lebensversicherung, Aktienfonds oder Immobilie – wer nach der passenden Geldanlage sucht, hat eine große Auswahl. Bei der Entscheidung vertrauen viele auf ihren Finanzberater. Doch die Empfehlungen sind oft ungeeignet, zeigt eine Untersuchung der Verbraucherzentralen.

Viele Verbraucher sind verunsichert: Wie sollen sie ihr Geld fürs Alter anlegen? Ist eine Immobilie eine sinnvolle Vorsorge? Oder lohnt sich ein Riester-Vertrag? Allgemein gültige Antworten gibt es auf diese Fragen nicht. Die richtige Geldanlage hängt maßgeblich von den eigenen Bedürfnissen und den Lebensumständen ab: Ein Student sollte eine andere Altersvorsorge wählen als ein 55-Jähriger. Und eine Familie benötigt eine andere Absicherung als ein Single. Wichtig ist es daher, eine passende Anlage für den Kunden zu finden. Genau dies findet aber in der Finanzberatung meist nicht statt.

Kritik an hohen Kosten und dürftiger Rendite

Die Ergebnisse der Verbraucherzentralen sind erschreckend: „Nahezu jedes zweite Produkt passte nicht zum Bedarf der Kunden“, sagte Niels Nauhauser von der Verbrauchzentrale Baden-Württemberg bei der Vorstellung der Untersuchung. Noch schlechter sieht es bei den neu angebotenen Verträgen aus. Hier waren sogar 87 Prozent der Offerten nicht bedarfsgerecht. Insgesamt nahm die Initiative Finanzmarktwächter vom Verbraucherzentrale Bundesverband (vzbv) knapp 300 Fälle unter die Lupe.

Bei den bereits vorhandenen Anlageprodukten kritisierten die Verbraucherschützer vor allem die hohen Kosten (52 Prozent) und die dürftige Rendite (63 Prozent). Jeweils ein Drittel der Anlageprodukte wurde als nicht bedarfsgerecht eingestuft, weil sie im konkreten Fall zu unflexibel oder zu riskant waren. Auch die Rücklagen der Kunden wurden oft nicht angemessen berücksichtigt.

Um die Fehlberatung zu verdeutlichen, nannten die Verbaucherschützer einige Beispiele:

-39-Jährige, drei Kindern

Die Ratsuchende hat ihr gesamtes Vermögen von 80 000 Euro in klassischen Rentenversicherungen und Prämiensparverträgen angelegt. Ihre Anlageziele: Geld für die Ausbildung der Kinder, Altersvorsorge und eventuell der Kauf einer Immobilie in zehn Jahren. Bewertung der Anlage: Eine Verteilung des Vermögens auf zumindest eine weitere Anlageklasse (Aktien, Immobilie) wäre sinnvoll.

-29-jähriger Angestellter, ledig

Der Monatsverdienst liegt bei knapp 2000 Euro. Als Anlageziel wird der Kauf einer Immobilie genannt. Bewertung: Das vorhandene Tagesgeldkonto bietet zu wenig Rendite, weil es bessere Angebote gibt. Die beiden fondsgebundenen Rentenversicherungen sind weder zur Altersvorsorge geeignet noch als Ansparprodukt zum geplanten Immobilienkauf, weil sie zu teuer und unflexibel sind. Die zum größten Teil bereits bezahlten Abschlusskosten dieser nicht bedarfsgerechten Produkte schätzen die Verbraucherschützer auf 9000 Euro.

Bei neu angebotenen Anlageprodukten fielen neun von zehn Offerten durch. Die häufigsten Gründe: zu teuer (73 Prozent) und zu wenig Rendite (51 Prozent). Als zu riskant stuften die Experten dagegen nur jedes dritte Angebot ein. Auch hier gibt es Beispiele für ungeeignete Anlagevorschläge:

-Ehepaar, Beamter und Frührentnerin

Sie wollen in den nächsten Jahren eine Immobilie kaufen, weshalb die Anlage sicher sein sollte. Bewertung des Angebots: Das Risiko der angebotenen Aktienanleihe war dem Ehepaar nicht klar. Die angebotene Sofortrente widerspricht der geforderten Verfügbarkeit. So war keine Rente, sondern eine Anlage bis zum Kauf der Immobilie erwünscht.

-Rentner-Ehepaar

Sie wollen 150 000 Euro aus bestehendem Tages- und Festgeld neu anlegen, davon 30 000 Euro als flexible Rücklage und den Rest auf maximal fünf Jahre. Sie wohnen in der eigenen Immobilie. Einschätzung des Angebots: Die Bank schlägt eine Kombination verschiedener Produktarten vor. Die darin enthaltene Anlage in einen offenen Immobilienfonds würde die ohnehin schon große Abhängigkeit des Vermögens von Immobilienpreisen weiter erhöhen. Die Leibrentenversicherung entspricht nicht dem Anlageziel, weil sie zu unflexibel ist. Die teilweise Anlage in einen Aktienfonds entspricht zwar der Risikobereitschaft, das konkrete Produkt ist aber zu teuer.

Kunden können komplexe Produkte kaum bewerten

Die Verbraucherschützer begründen die schlechte Beratungsqualität mit dem provisionsgetriebenen Vertrieb. „Finanzberater sind heute in Wirklichkeit keine Berater, sondern schlicht Verkäufer“, sagte die Finanzexpertin des Verbraucherzentrale Bundesverbands, Dorothea Mohn. Doch auch die Kunden hätten meist nicht das nötige Wissen, um gerade komplexe Produkte und Anlagestrategien selbst zu beurteilen und zu bewerten, so die Autoren der Studie. Selbst über die weit verbreitete klassische Lebensversicherung wussten nur 14 Prozent der Ratsuchenden im Detail Bescheid. Die Kunden würden darauf vertrauen, dass sie von Banken und Finanzvertrieben gut beraten werden. Dieses Vertrauen ist offenbar oftmals nicht gerechtfertigt.

Steffen Habit

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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