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Duran Dolu, 43, kam Ende 1977 von Istanbul nach München, ohne ein Wort Deutsch zu können. Seine Eltern, die selbst keine Schule besucht hatten, haben ihn nach der Grundschule in der Türkei mit 11 Jahren nachgeholt. Er bestand die Prüfung fürs Gymnasium, studierte Politik, Soziologie und Pädagogik, lernte den Beruf des Digital-Video-Editors, drehte Kurzfilme und arbeitete unter anderem als Web-Anwendungsentwickler. Sein Sohn ist 14 Jahre alt, geht in die 8. Klasse Gymnasium und ist zweisprachig aufgewachsen.

Ausbildungsakquisiteur Buran Dolu: „Viele sprechen besser Deutsch als Türkisch“

München - Duran Dolu sprudelt vor Energie. Seine dunkelbraunen Augen funkeln, wenn er mit großen Gesten wortgewandt über die türkische und deutsche Kultur und deren Bedeutung für den beruflichen Werdegang der Jugendlichen diskutiert.

Er will Missverständnisse klären, Informationen weitergeben und Mauern zwischen Betrieben und Jugendlichen aus dem Weg räumen – genau das ist seine Aufgabe.
Seit Mitte September arbeitet Duran Dolu bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern als Ausbildungsakquisiteur. Wir sprachen mit ihm über die Situation der Jugendlichen, deren Probleme und die kulturellen Unterschiede.

-Herr Dolu, Sie sind im Alter von 11 Jahren nach Deutschland gekommen, wie haben Sie es geschafft, in diesem System Fuß zu fassen?

(lacht) Da war wohl auch etwas Glück dabei. Denn ich hatte eine sehr gute Deutschlehrerin, die mich unter ihre Fittiche genommen und mir die Sprache übers Theaterspielen vermittelt hat. Außerdem hat sie mich zu einer deutschen Familie geschickt, damit ich über deren Kinder beim Spielen Deutsch lerne. Das hat mich sehr geprägt. (schmunzelt) Obwohl ich anfangs den Marienplatz immer besonders gern mochte, weil dort viele Ausländer waren, und das hat mich an den Taksim-Platz in Istanbul erinnert.

-Sie rechnen sich zur zweiten Generation der Migranten. Die Jugendlichen heute gehören demnach zur dritten und haben einen Migrationshintergrund . . .

Ein sperriger Ausdruck. „Der Herr mit türkischem Migrationshintergrund“ – das klingt, als ob ich eine Krankheit hätte. Das stört mich, weil es ausgrenzt, aber es gibt nun mal keine andere adäquate Bezeichnung. Dabei sind wir Türken seit 50 Jahren hier und gehören einer bestimmten Gruppierung in einer pluralistischen Gesellschaft an.
-Wie steht es um diese dritte Generation?

Ich meine, es geht ihnen schlechter als uns. Man hat es nicht geschafft, dem Großteil der zweiten Generation das Gefühl zu vermitteln, hier ihre Heimat zu haben. Die daraus resultierende Berührungsangst und ablehnende Haltung springen auf die Kinder über. Meine Aufgabe ist es, genau diese Ängste zu überwinden.

-Wie reagieren die Jugendlichen auf Sie, wenn Sie in die Schulen gehen?
Wenn ich die Jugendlichen auf Türkisch begrüße und mich und meinen Werdegang beschreibe, dann beklatschen sie mich. Die türkische Sprache und der gleiche Hintergrund – das schafft sofort emotionale Nähe.

-Und die Gespräche laufen dann nur auf Türkisch?

(lacht) Nein, das ginge gar nicht, weil viele die Fachbegriffe nicht verstehen würden. Die meisten Jugendlichen sprechen sehr viel besser Deutsch als Türkisch.

-Das mag man gar nicht meinen, schließlich beschweren sich viele Betriebe über die mangelnden Deutschkenntnisse der Jugendlichen mit Migrationshintergrund.

Da wird zu wenig differenziert und subjektiv geurteilt. Was die Deutsch-Noten betrifft, sind Kinder ohne Migrationshintergrund auf dem gleichen Niveau wie Kinder mit Migrationshintergrund (siehe Kasten oben). Man kann also nicht sagen, dass diese Gruppe Jugendlicher schlechter ist. Außerdem sollten Betriebe langsam begreifen, dass es nicht allein auf die Noten ankommt. Viele Hauptschüler haben eine große praktische Begabung – aber man muss ihnen auch die Chance geben, das zu zeigen.

-Aber allein die fehlerhafte Bewerbungsmappe ist ja schon oft Ausschlusskriterium.

Ja, das stimmt. Ganz viele türkische Jugendliche haben den Sinn dieses Bewerbungsprozesses nicht wirklich begriffen. Die meisten schreiben hundert gleiche Bewerbungen und denken, einer wird mich schon nehmen. Und bei diesem einen ist es aber dann doch nicht so toll und man bricht die Lehre wieder ab. Dabei müssten sie sich bewusst und gezielt bewerben.

-Aber dafür müsste man sich gezielt und frühzeitig mit der Berufswahl auseinandersetzen.

Das ist etwas problematisch. Die Jugendlichen sind auf der einen Seite sehr realistisch. Wenn man von der Hauptschule kommt und keinen guten qualifizierenden Abschluss hat, ist die Berufsauswahlmöglichkeit nicht mehr sehr groß. Auf der anderen Seite ist die Berufsorientierung auch von unserer Mentalität bestimmt. Deutsche denken in aller Regel schon sehr früh daran, die richtigen Weichen zu stellen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Einem türkischen Jugendlichen fällt erst am Ende der 9. Klasse auf, dass er ja noch gar keinen Ausbildungsplatz hat.

-Bekommt er da keinen Denkanstoß von zuhause?

Selten, weil auch dort das Bewusstsein nicht vorhanden ist. Viele Eltern würden gerne helfen, wissen aber nicht wie, weil ihnen die nötigen Informationen und eigenen Erlebnisse fehlen. Deshalb versuche ich auch, viel mit den Familien zu arbeiten. Die sind mehr denn je gefordert, aktiv mitzuhelfen. Die Eltern müssen auch darauf achten, dass die Jugendlichen pünktlich und gut angezogen zum Vorstellungsgespräch erscheinen.

-Und was können Sie konkret tun?

Reden, vermitteln, informieren in Schulen, Betrieben und bei den Familien zuhause. Ich zeige den Jugendlichen Perspektiven auf. Irgendwie sind sie in der Hauptschule gelandet – aber das muss doch nicht das Ende sein. Mit Quali, guten Noten, einer Ausbildung und dem Meistertitel ist sogar der Weg an die Uni offen. Aber man muss die Spielregeln kennen und sie befolgen.

-Und was gehört zu diesen Regeln?

Das Beherrschen der deutschen Sprache. Das ist das A und O. Aber auch mobil und flexibel zu sein. Ich hatte den Fall, dass ein türkisches Mädchen bzw. dessen Familie einen Ausbildungsplatz abgelehnt hat, weil dieser am anderen Ende der Stadt lag – das war ihnen zu weit weg. Hier müssen sich dringend Einstellungen ändern – aber auch von Unternehmer-Seite. Die Wirtschaft braucht dringend Nachwuchskräfte, und da heißt es aufeinander zugehen. Die Zweisprachigkeit kann aber für die Betriebe auch einen Wettbewerbsvorteil bilden.

Das Interview führte Stefanie Backs

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