Die vielen Wahrheiten im Schmiergeldsumpf von Siemens

- München -­ Schweigegeld oder ein ganz normaler Geschäftsvorgang? In der Siemens-Affäre existieren bisweilen zwei Varianten der Wahrheit. Offen muss vorerst bleiben, ob eine davon stimmt.

Wenn es nur eine Wahrheit gäbe, könnte man nicht hundert Bilder über dasselbe Thema malen, hat der spanische Künstler Pablo Picasso einmal gesagt. Auch fernab von dessen Welt, im heutigen Wirtschaftleben, werden bisweilen verschiedene Wahrheiten angeboten, vor allem, wenn man sich den Schattenseiten großer Konzerne nähert. Paradebeispiel ist die aktuelle Siemens-Affäre, bei der es um schwarze Kassen, Schmiergeldpraktiken und verhaftete Topmanager geht.

Einer von ihnen ist der 52-jährige Michael Kutschenreuter, der als Beschuldigter gilt und nach Angaben seines Rechtsvertreters seit einigen Tagen in der Sache aussagt. Dabei habe der Ex-Finanzchef des inzwischen aufgelösten Siemens-Bereichs Communications (Com) gestanden, dass mit dem ebenfalls verhafteten Thomas Ganswindt auch ein ehemaliger Siemens-Zentralvorstand von einem System der "Beraterverträge" gewusst habe. Das sagt zumindest Kutschenreuters Anwalt Leonard Wali-schewski.

Der Jurist nennt inzwischen auch noch andere Details der Aussage. Demnach habe ein früherer Siemens-Geschäftspartner aus Saudi-Arabien gedroht, öffentlich über illegale Geschäftspraktiken auszupacken, falls er vom Münchner Traditionskonzern keine Entschädigung für einen gekündigten Handelsvertretervertrag erhalte. "Mein Mandant sieht das als Schweigegeld an, und das ist es auch", sagte Walischewski. Er wundere sich auch über die Politik der Siemens-Spitze in der Affäre, die versuche, kleine Banden im Konzern dafür verantwortlich zu machen und den Ball unteren Ebenen zuzuspielen. Wer die wirklich Verantwortlichen seien, sagt aber auch Kutschenreuters Anwalt nicht. Ob sein Mandant weitere aktuelle oder frühere Mitglieder des Siemens-Zentralvorstands beschuldigt habe, lässt er auch offen.

Überhaupt bleibt die von ihm angebotene Wahrheit nicht widerspruchslos. Denn zumindest über den saudi-arabischen Geschäftsmann erzählt Siemens eine ganz andere Geschichte. Dieser sei einer von zwei Siemens-Vertriebspartnern vor Ort gewesen, sagt ein Konzernsprecher. Anfang 2000 habe Siemens dem Mann namens Al-Akeel gekündigt, weil man einen Vertriebspartner als ausreichend erachtet habe.

Al-Akeel habe daraufhin vor dem königlichen Schiedsgericht in Saudi-Arabien gegen seine Vertragsauflösung geklagt und eine Summe von 910 Millionen Dollar wegen entgangener Geschäfte geltend gemacht. Nach Vergleichsverhandlungen habe Al-Akeel 2005 letztlich 50 Millionen Dollar erhalten, so der Siemens-Sprecher weiter. Wegen der Höhe der Summen sei davon in der Tat der Siemens-Zentralvorstand informiert gewesen. Das Ganze sei allerdings ein völlig normaler, wenn auch für den Konzern teurer Vorgang gewesen, den man keinesfalls als Schweigegeld interpretieren dürfe.

Vom mutmaßlichen System schwarzer Kassen im früheren Geschäftsbereich Com hätten Konzernchef Klaus Kleinfeld und Aufsichtsratschef Heinrich von Pierer erst durch die jüngste Razzia Mitte November 2006 erfahren.

Welche Variante über die Geschichte des saudi-arabischen Geschäftsmanns stimmt oder ob der Wahrheit eine dritte vielleicht näher kommt, bleibt wie manche andere Frage in der Siemens-Affäre offen. Für mehr Klarheit sorgen könnten die Behörden. Aber die in der Sache ermittelnde Münchner Staatsanwaltschaft gibt sich seit kurzem sehr einsilbig und verweigert mittlerweile pauschal jede Auskunft. Das lässt befürchten, dass über die Wahrheit bei Siemens noch viele und ganz unterschiedliche Bilder gemalt werden.

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