Bei vier Prozent ist noch lange nicht Schluss

Leitzinsen: - Die Zinsen im Euro-Raum haben mit vier Prozent den höchsten Stand seit fast sechs Jahren erreicht. Nach Ansicht von Volkswirten ist das Ende der Fahnenstange damit aber noch nicht erreicht. Um die Inflation im Zaum zu halten, werde die EZB in den kommenden Monaten weiter an der Zinsschraube drehen.

Frankfurt/München -­ Noch vor kurzem vermuteten viele Fachleute den Zinsgipfel bei vier Prozent. Doch diese Einschätzung gilt jetzt als überholt. In Anbetracht des Wirtschaftsaufschwungs halten die Experten die Zinsen für zu niedrig, um Inflationsgefahren einzudämmen. Damit rückt das Rekordhoch vom Oktober 2000 mit 4,75 Prozent näher.

"Die Konjunktur hat alle überrascht", sagt die Chefvolkswirtin der Landesbank Hessen-Thüringen, Gertrud Traud. "Wenn es weiter so außergewöhnlich gut läuft, ist eine neue Spitzenmarke bei den Zinsen 2008 nicht ausgeschlossen." Ein Zinsniveau wie in den USA mit mehr als fünf Prozent sehen die Ökonomen aber nicht ­ auf der anderen Seite des Atlantiks ist die Wachstumsdynamik und damit auch das Niveau entsprechend einen Prozentpunkt höher.

Wegen der boomenden Konjunktur hatte die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins am Mittwoch von 3,75 auf 4,00 Prozent erhöht ­ das war die achte Anhebung in Folge seit Ende 2005. "Mit Blick nach vorn ist ein entschlossenes Handeln notwendig, um die Preisstabilität zu sichern", sagte EZB-Präsident Jean-Claude Trichet bei der Bekanntgabe der Entscheidung in Frankfurt. Der Notenbank-Rat werde alle Entwicklungen "genau im Auge behalten". Mit dieser Formulierung pflegt die EZB Zinserhöhungen in drei Monaten anzukündigen.

Trichet wollte sich nicht auf einen Zeitpunkt für den nächsten Zinsschritt festlegen. Nach einhelliger Meinung werden die Zinsen in Europa im September aber auf 4,25 und bis Jahresende auf 4,50 Prozent steigen, weil die Wirtschaft trotz US-Schwäche, deutscher Mehrwertsteuererhöhung und starkem Euro nahezu ungebremst wächst.

Die Wirtschaft im Euro-Raum soll in diesem Jahr um rund 2,5 Prozent zulegen. Das setzt eine typische Spirale in Gang: Arbeitslose finden wieder Beschäftigung, die Löhne steigen wegen höherer Tarifabschlüsse und die Verbraucher geben mehr Geld aus. All dies heizt die Inflation an, die die EZB knapp unter zwei Prozent halten will. Gewinnt die Entwicklung erst einmal an Fahrt, ist sie nur schwer zu stoppen. Auch der gestiegene Ölpreis, stellt eine Gefahr für die Preisstabilität dar.

Das derzeit erreichte Zinsniveau gilt als neutral, das heißt, die Wirtschaft wird weder gebremst noch beschleunigt. Aber auch die Aussicht auf Zinsen von mehr als vier Prozent schreckt weder die Unternehmen noch die Aktienmärkte. Auch der Gegenwind aus der Politik ist dank der guten Wirtschaftslage abgeflaut. Waren die ersten Zinsschritte im Dezember 2005 noch auf heftigen Widerstand und den Vorwurf vom "Abwürgen der Konjunktur" gestoßen, gehen den Gegnern inzwischen die Argumente aus. "Konjunkturell gesehen ist derzeit fast jedes Zinsniveau zu rechtfertigen", sagt Volkwirt Karsten Junius von der Deka-Bank.

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