Interview mit Jens Schulte-Bockum

Vodafone greift Telekom im Festnetz an

München – Auf dem deutschen Telekommunikationsmarkt ist es momentan spannend. Vodafone übernimmt Kabel Deutschland – und die Telekom kämpft um ihre Position als Branchenprimus. Ein Interview mit Vodafone-Chef Jens Schulte-Bockum.

Wir haben mit Jens Schulte-Bockum, Deutschlandchef von Vodafone, über die Kabel-Deutschland-Übernahme, den Kampf um Kunden und den Netzausbau in Deutschland gesprochen.

Mit der Übernahme von Kabel Deutschland greifen Sie die Telekom an. Glauben Sie, dass Sie den Branchenprimus überholen können?

Schauen wir mal. Die Telekom hat einen riesigen Startvorteil. Sie hat im Festnetzbereich seinerzeit mit allen Kunden angefangen. Mittlerweile hat sie mehr als die Hälfte davon verloren, viele auch an die Kabelunternehmen. Die Telekom hat heute aber immer noch ungefähr dreimal so viele Kunden im Festnetz wie Kabel Deutschland und Vodafone zusammen. Bis zum Überholen läge also noch ein gutes Stück Wegstrecke vor uns.

Was erwarten Sie sich von der Kabel-Deutschland-Übernahme?

Für uns ist Kabel Deutschland spannend, weil wir nach Wirksamwerden des Beherrschungs- und Gewinnabführungsvertrages damit beginnen können, daran zu arbeiten den Kunden alles aus einer Hand anzubieten: Festnetz, Mobilfunk und Fernsehen. Damit würden wir unsere Schlagkraft erhöhen. Kabel Deutschland hat heute über zwei Millionen Festnetz-Kunden, beliefert aber rund 15 Millionen Haushalte mit Fernsehen. Das heißt, es gäbe große Potenziale, aber wie gesagt, noch sind wir nicht so weit.

Bleibt Kabel Deutschland nach der Übernahme als eigenes Unternehmen mit Sitz in Unterföhring bestehen?

Bevor der erwähnte Vertrag nicht rechtswirksam eingetragen ist, ändert sich nichts. Danach ist angedacht, in Unterföhring auch die Festnetz-Zentrale für Endverbraucher anzusiedeln. Einen Zeitplan gibt es hier noch nicht. Klar ist aber: München bleibt ein wichtiger, ein bedeutender Standort.

Wird es künftig nur noch eine Marke geben?

Mit Blick auf den Konsumenten spricht vieles dafür, langfristig auf die bekanntere Marke Vodafone zu setzen. Gegenüber der Wohnungswirtschaft ist Kabel Deutschland stark und geschätzt. Das werden wir uns nach Eintragung des Vertrags mit den Kollegen von Kabel Deutschland genau ansehen und abwägen.

Vodafone ist als reiner Mobilfunker gestartet. Mit der Übernahme von Kabel Deutschland steigen Sie groß ins Festnetz ein. Hat Festnetz überhaupt Zukunft?

Ein klares Ja. Ich glaube an einen Technologie-Mix. Gerade für hohe Bandbreiten ist das Kabel überlegen. Wir werden aber auch langfristig Regionen haben, in denen das mobile Internet LTE die günstigere Variante ist. Letztlich ist LTE aufgrund der Frequenzen, die zur Verfügung stehen, aber eine begrenzte Ressource. In dicht besiedelten Städten reichen die Kapazitäten aufgrund der hohen Datennachfrage dann nicht aus – für Datenverkehr inklusive Entertainmentangebote brauchen wir beides. Auch bei der Sprachübertragung bleibt Festnetz eine relevante Größe. Ein bedeutender Spieler im Markt sollte beides können. Dann hat er die Nase vorne.

Wie viel investieren Sie in den Netzausbau?

Wir nehmen in den nächsten zwei Jahren vier Milliarden Euro in die Hand. Wir verdoppeln unsere Investitionen und bauen Deutschlands modernstes Mobilfunknetz. In München haben wir damit begonnen und werden bis zum Oktoberfest durch sein. Auch bundesweit erneuern wir jetzt sämtliche technischen Komponenten, Ende 2015 sind wir fertig. Dann deckt Vodafone mit LTE über 93 Prozent der deutschen Fläche ab.

Muss man als Kunde wegen des Netzausbaus künftig mit steigenden Kosten für Internet und Telefon rechnen?

Wir haben in Deutschland einen harten Wettbewerb. Trotz steigender Leistung beobachten wir fallende Preise. Das ist betriebswirtschaftlich anspruchsvoll. Es wird immer günstige Tarife geben. Wenn ein Kunde aber Produkte möchte, die es ihm ermöglichen, immer und überall auf unterschiedlichen Geräten zum Beispiel auf Fernseh- oder Videoangebote in höchster Qualität zuzugreifen, wird er bereit sein, dafür einen angemessenen Preis zu zahlen.

Gibt es bei Vodafone Pläne, Festnetz-Flatrates zu drosseln, so wie das die Telekom vorhatte?

Nein, solche Pläne gibt es bei Vodafone nicht. Im Mobilfunkbereich ist Drosselung allerdings branchenweit üblich. Wo die Mobilfunktechnologie LTE als Festnetzersatz genutzt wird, sind unsere Geschwindigkeiten je nach Vertrag abhängig von der verbrauchten Datenmenge gestaffelt.

Mit der geplanten Fusion von O2 und E-Plus entsteht bald ein neuer Mobilfunk-Riese in Deutschland. Bereitet Ihnen das Sorgen?

Nein. E-Plus und O2 haben sich über Jahre schwer getan. Der Zusammenschluss ist aus der Not geboren. Für sich alleine sind die beiden nicht überlebensfähig. Ob aus zwei Einäugigen am Ende ein Scharfschütze wird, muss man sehen. Allerdings ist wettbewerbsrechtlich darauf zu achten, dass die Frequenzen gerecht verteilt werden. Ansonsten entstünde eine Schieflage. Ich denke und hoffe, dass der Zusammenschluss nur mit entsprechenden Auflagen genehmigt wird.

O2 und E-Plus wollen nach dem Zusammenschluss jede dritte Filiale in Deutschland schließen? Haben Sie ähnliche Pläne?

Nein. Unsere 1500 Shops bleiben erhalten. Den Rückzug von O2 und E-Plus aus manchen Regionen sehen wir als Chance. Bei der Kundenbetreuung rüsten wir momentan auf. In vielen deutschen Großstädten eröffnen wir neue, großzügigere Stores. In einigen sogar große Flagship-Stores – auch am Münchner Marienplatz. Los geht’s hier Ende 2014.

Sie wollen künftig nicht nur investieren, sondern auch sparen. 100 Millionen Euro mit ihrem Sparprogramm „Fit for Growth“ (Fit für Wachstum). Wo wird der Rotstift angesetzt?

Wer wachsen will muss investieren. Voraussetzung dafür ist aber auch ein hohes Maß an Kostendisziplin. Wir haben eine ganze Reihe von Maßnahmen eingeleitet – zum Beispiel ein Freiwilligenprogramm, bei dem wir Mitarbeitern anbieten, gegen eine großzügige Abfindung das Unternehmen zu verlassen. Betriebsbedingte Kündigungen wollen wir vermeiden. Wir sparen im heute, um in die Zukunft noch stärker zu investieren.

Interview: Manuela Dollinger

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