Volkswagen: Jetzt rückt der Ex-Patriarch Piëch in den Fokus

- Wolfsburg - Nun rückt der "Alte" in den Fokus. Nach den Rücktritten von Personalvorstand Peter Hartz und Betriebsratschef Klaus Volkert im VW-Sumpf von Schmiergeldern, Tarnfirmen und angeblichen Lustreisen von Betriebsräten wird zunehmend auch die Rolle des früheren Konzernchefs Ferdinand Piëch beleuchtet. In der Ära Piëch von 1993 bis 2002 wurde das fast schon legendäre "System Volkswagen" manifestiert - die enge Beziehung zwischen Management, Betriebsrat und Gewerkschaft. Wie bei einem Urknall bricht dieses System derzeit auseinander.

Seit Beginn der VW-Korruptionsaffäre vor mehr als zwei Wochen hält sich Piëch bedeckt. Nur ein einziges Mal meldete er sich öffentlich zu Wort: Kategorisch lehnte Pië¨ch Anfang Juli einen Rücktritt von VW-Personalvorstand Peter Hartz ab, den er 1993 zu Volkswagen geholt hatte. Inzwischen hat Hartz seine Demission angeboten.Neun Jahre lang stand Porsche-Enkel Piëch an der Spitze von VW, 2002 erfolgte der Stabwechsel an Bernd Pischetsrieder. Piëch wurde Chef des Aufsichtsrates. Er sei noch dicht dran am Geschehen, heißt es in Wolfsburg.Die VW-Affäre wirft nun ein Schlaglicht auf die Amtszeit von Piëch als VW-Chef. Ferdinand Dudenhöffer, Professor für Automobilwirtschaft, kritisiert, in der Zeit von Piëch seien die Grenzen zwischen den verschiedenen Interessengruppen bei VW "zu fließend" gewesen. Dabei sei ein System der "Verfilzung" entstanden. Wichtige Entscheidungen, die zu wettbewerbsfähigeren Arbeitskosten geführt hätten, seien nicht getroffen worden. Piëch müsse als Aufsichtsratschef zurücktreten, sagt Dudenhöffer.Als Piëch 1993 VW-Chef wurde, steckte VW in einer massiven Krise. Massenentlassungen drohten. Hartz wendete diese in Zusammenarbeit mit Betriebsrat und Gewerkschaft ab und führte die Vier-Tage-Woche ein. Piëchs "Mann fürs Grobe", José Ignacio López, drückte vor allem bei den Zulieferern die Kosten, entfachte aber wegen geheimer Organisationspläne des Konkurrenten General Motors einen regelrechten "Autokrieg" zwischen den beiden Branchengiganten.Der frühere VW-Patriarch war aber vor allem eins: ein Technikbegeisterter. "Autos bauen", nannte der heute 68 Jahre alte Ingenieur einmal als sein größtes Hobby. Pië¨ch investierte Milliardensummen in den Kauf von Nobelmarken wie Bugatti und Bentley und in die Produktion des Oberklassenmodells Phaeton, mit dem er die Premium-Hersteller Mercedes und BMW angreifen wollte. Der Phaeton aber wurde ein Flop."Die Lust von Piëch, hochklassige, teure Autos zu produzieren, von Bentley bis Bugatti, ist am Bedarf vorbeigegangen", kritisiert etwa der Hauptgeschäftsführer der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), Ulrich Hocker. Dies belaste VW. Pischetsrieder habe bereits richtige Weichen gestellt - etwa mit der Markteinführung des in Brasilien gebauten Billigwagens Fox in Europa.Zwar hat auch Pischetsrieder wie Piëch das berühmte "Benzin im Blut" - aber es gibt große Unterschiede zwischen beiden. Der 57 Jahre alte Pischetsrieder sei anders als sein Vorgänger ein Teamspieler, heißt es. Pischetsrieder selbst sagte einmal: "Herr Piëch ist sehr viel mehr Techniker als ich, weil er zeit seines Lebens Entwicklungschef war. Bei mir ist das anders: Ich frage mich, wie muss man ein Auto bauen, damit es bei den Kunden ankommt."

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