Volkswagen: Sonderfall oder Tarif-Modell für die Zukunft?

- Frankfurt - Bei Volkswagen ist der Haussegen gerettet. Die Große Tarifkommission der IG Metall hat den Tarifvereinbarungen bei Europas größtem Autobauer zugestimmt. Doch die Einigung für die 103 000 VW-Beschäftigten sorgt im Gewerkschaftslager nicht nur für zufriedene Gesichter. Andere Arbeitgeber, so die Befürchtung, werden den VW-Tarifabschluss als Vorwand für weitere Nullrunden hernehmen.

<P>Der Tarifexperte der Gewerkschaft Verdi, Jörg Wiedemuth, sagte: "Wenn ein Glanzlicht der deutschen Wirtschaft wie VW 28 Monate Nullrunden vereinbart, dann weckt das Begehrlichkeiten bei anderen Arbeitgebern." Verdi hat demnach bei kommenden Tarifverhandlungen nicht vor, "Nullrunden zu fahren". Laut Wiedemuth muss mindestens die Sicherung der Reallöhne erreicht werden. Die Angst ist nicht ganz unberechtigt, schließlich hat etwa Metall-Arbeitgeber-Chef Martin Kannegiesser bereits weitere Zugeständnisse der Arbeitnehmer gefordert.</P><P>Ein kleiner Trost für Gewerkschafter mag sein, dass das VW-Management ebenfalls 28 Monate lang auf Gehaltserhöhungen verzichten will. Der achtköpfige Vorstand erhielt 2003 laut Geschäftsbericht 13,8 Millionen Euro, 17 Prozent weniger als im Jahr davor.</P><P>Ist Volkswagen also ein weiterer Modellfall für abgespeckte gewerkschaftliche Lohnforderungen? Werden Nullrunden jetzt zur Gewohnheit? Die Antwort fällt, wie so oft, uneinheitlich aus. "Volkswagen ist kein Präzedenzfall", betont der DGB-Tarifexperte Reinhard Dombre. Es wäre "tarifpolitisch naiv", wenn Arbeitgeber jetzt 28 Null-Monate als neue "Schlagfrequenz" für Verhandlungen annähmen, sagt der DGB-Mann. Der VW-Abschluss sei eben eine "passgenaue Vereinbarung" für die Verhältnisse bei dem Autobauer. </P><P>Realitätsbezug des Abschlusses gelobt</P><P>Auch der Leiter des Tarifarchivs des gewerkschaftsnahen Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI), Reinhard Bispinck, hält VW für einen Einzelfall. Zum einen, sagt Bispinck, gelte für die betroffenen VW-Angestellten ein Haustarifvertrag, der etwa 20 Prozent über dem niedersächsischen Flächentarifvertrag liege. Zudem lägen auch die vereinbarten niedrigeren Entgelte für neu eingestellte VW-Mitarbeiter über dem Flächentarifvertrag. Schließlich sei es bei dem Abschluss um eine Beschäftigungssicherung für die Mitarbeiter gegangen. "Die Arbeitgeber singen immer das Hohelied der Differenzierung", sagt der WSI-Mann. Das solle auch bei VW gelten.</P><P>Beim arbeitgebernahen Institut der Deutschen Wirtschaft (iw) sieht man die Einigung dagegen durchaus als Modell mit Zukunft. "Der Abschluss zeigt, dass der Realitätsbezug da ist", sagt iw-Experte Horst-Udo Niedenhoff. Seiner Ansicht nach ist aber nicht die Nullrunde das Signal, sondern die Tatsache, dass Löhne, Gehälter und Arbeitszeiten mit einer Beschäftigungssicherung verknüpft wurden. Damit setze sich fort, was die IG Metall bereits bei der Einigung mit Siemens um das Handy-Werk Kamp-Lintfort gezeigt habe. In dem Siemens-Werk war im Mai die 40-Stunden-Woche ohne Lohnausgleich eingeführt worden, was die Verlagerung von 2000 Arbeitsplätzen nach Ungarn verhindert hatte.</P><P><BR>"Betriebliche Realitäten werden künftig stärker in der Tarifauseinandersetzung berücksichtigt werden", sagt Niedenhoff. Befürchtungen, dass jetzt überall Nullrunden drohen, weist Niedenhoff aber nachdrücklich zurück. Schließlich könne ein Arbeitgeber, dem es gut geht, das nicht einfach von seiner Belegschaft fordern. Und Betriebsräte müssten über die Bilanz informiert werden.</P>

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