+
Düstere Zeiten für Volkswagen: Europas größter Autobauer hat getrickst, um Behörden zu täuschen.

Trickserei bei VW

Volkswagen - der Absturz: Wie konnte es soweit kommen?

  • schließen

Wolfsburg - VW hat in den USA Dieselmotoren manipuliert, um Abgastests zu bestehen. Der Skandal wird für den Autobauer teuer, die Aktie stürzte gestern ab. Die Trickserei könnte den Wolfsburger Konzern im Dreikampf mit Toyota und General Motors entscheidend zurückwerfen. Wie konnte es soweit kommen?

Der Spruch ist knapp und vielleicht deshalb genial: „Volkswagen – das Auto“ steht nicht nur auf Plakaten in ganz Europa. Er ist weltweit zu finden – selbst in den USA und China. Und überall in deutscher Sprache. Die schlichte Botschaft der wenigen Worte: Hier gibt es deutsche Qualität und Ingenieurskunst – selbst dann, wenn die Autos in Shanghai (China) montiert werden, oder in Chattanooga (USA). Und sogar dann, wenn es Modelle sind, die im Heimatland von VW längst nicht mehr zu kaufen sind – wie der Santana. Oder die hier nie angeboten wurden, wie der US-Passat.

Doch der Slogan könnte jetzt tonnenschwer auf VW zurückfallen. Denn die Marke hat sich in den USA einen katastrophalen Imageschaden eingehandelt. Manipulierte Software an Dieselmotoren sorgte dafür, dass die Gase, die dem Auspuff entwichen, bei Tests viel sauberer waren (und dafür die Motoren auch weniger leistungsfähig) als im Alltagsbetrieb.

Die Nachricht vom Wochenende löste am Montag ein Beben aus. Zeitweise lag der VW-Aktienkurs deutlich über 20 Prozent im Minus. Da hatten sich blitzschnell 15 Milliarden Euro an Unternehmenswert aufgelöst. Und der Stuhl von Konzernchef Martin Winterkorn wackelt. Denn das, was zunächst die US-Umweltbehörde EPA veröffentlichte und der Konzern später bestätigte, könnte sich zum bisher größten Skandal der deutschen Autoindustrie auswachsen.

Volkswagen: Software-Entwickler und Manager gingen trickreich vor

Interessant ist es, wie trickreich Software-Entwickler und Manager im Dienst von Volkswagen USA dabei vorgingen. Das war fast ein Geniestreich: Sie nutzten die Vorschriften für Abgastests in den USA, die nach einem strengen Schema ablaufen. Sobald die Elektronik an Bord erkannte, dass dieses Schema ablief, schaltete sie auf einen extrem sauberen Modus. Das ging auf Kosten der Leistung. Doch auf die kommt es im Umweltlabor nicht an. Beim Fahren aber schon.

Denn die enorme Kraft, die ein moderner Diesel entwickelt, wenn man aufs Gas tritt, sollte den Ruf der trägen und behäbigen Rußschleudern aus den 1980er-Jahren vergessen machen. Dieser Ruf ließ den Diesel vom US-Markt verschwinden. Die Leistung, auf die es beim Kunden ankommt, lässt sich aber leichter mobilisieren, wenn man es beim Abgas nicht so genau nimmt.

Dabei liegen die Genzwerte in den USA und Europa gar nicht weit auseinander. Dafür aber die Testverfahren. Sie sind in Europa eine Art Wunschkonzert der Industrie: Autobauer konnten hier Regeln durchsetzen, die blendende Werte liefern, aber mit der Praxis nicht viel zu tun haben. Das weiß jeder, der einmal versucht hat, die Verbrauchsangaben eines Autos in der Praxis zu erreichen. Entweder man wird zum Hindernis für den Schwerlastverkehr – oder man verbraucht ein Drittel mehr.

In den USA hat die bei der Wirtschaft verhasste Umweltbehörde EPA andere Maßstäbe entwickelt. Sie liegen näher beim Alltagsbetrieb eines Autos, zum Beispiel wird auch bei kaltem Motor getestet. So wird ein Auto, das für Europa sauber genug ist, in Amerika manchmal zum schlimmen Umweltsünder.

Eigene Motoren für die USA zu entwickeln, ist keine Lösung für die europäischen Autobauer. Es lohnt sich einfach nicht. Denn Dieselmotoren sind dort trotz jahrelanger Kampagnen der deutschen Hersteller ein Nischenprodukt. Die zweite Möglichkeit ist es, auf Motoren zu setzen, die alle Vorschriften weltweit erfüllen. Die Hersteller ächzen zwar unter dem technischen und finanziellen Aufwand. Aber immerhin haben es offenbar Mercedes und BMW so gehalten. Sie verkündeten gestern nahezu gleichlautend, sie hätten keine Probleme mit der EPA. Die VW-Tochter Audi dagegen schon, weil alle Konzernmarken auf die gleichen Baukastenmotoren zurückgreifen.

Die Konzernmutter in Wolfsburg hat das Problem am billigsten gelöst – und sich jetzt ein weit größeres, teureres eingehandelt. Dabei sind die Strafen – die Rede ist von bis zu 18 Milliarde Dollar – noch nicht das Schlimmste. Denn ein Geständnis, das gleich abgelegt wurde, sorgt regelmäßig für deutliche Rabatte. So könnte am Ende auch ein einstelliger Milliardenbetrag herauskommen.

VW-Aktien brachen am Montag stark ein

Dass VW-Aktien am Montag so stark einbrachen, ist damit allein nicht zu erklären. Neben den Strafen drohen Regressansprüche von Autokäufern, die zudem teure Nachbesserungen fordern können. Auch Aktionäre könnten in den USA klagen, weil sie getäuscht wurden.

Doch am teuersten dürfte der Image-Schaden werden. Der schmerzt VW in Nordamerika besonders. Nach dem Käfer und frühen Transporter-Generationen, die sich dort einen Kultstatus erwarben, kam für Volkswagen USA nicht mehr viel. Der Golf spielt nur mit Stufenheck als Jetta eine nennenswerte Rolle. Und der nur für die USA entwickelte größere Passat erfüllte nach anfänglichen Erfolgen die Hoffnungen nicht. Das Problem für VW-Chef Martin Winterkorn: Sein Ziel, den Konzern mit seinen zwölf Marken vor Toyota und General Motors zur weltweiten Nummer 1 zu machen, lässt sich ohne deutliche Zuwächse in den USA praktisch nicht erreichen.

Aufsichtsratsmitglieder, die dem Schwaben auf dem Chefsessel im Machtkampf mit Großaktionär Ferdinand Piëch noch vor wenigen Wochen den Rücken gestärkt hatten, meldeten sich gestern kritisch zu Wort. Schon ein Abrücken von Winterkorn? „Das muss jetzt mit aller Offenheit aufgeklärt werden“, sagte Betriebsratschef Bernd Osterloh. „Wir müssen Konsequenzen draus ziehen.“ Und der niedersächsische Ministerpräsident Stephan Weil, ebenfalls Mitglied im Aufsichtsrat, forderte schnelle und gründliche Aufklärung. „Erst dann kann über mögliche Folgen entschieden werden“, sagte er. Jetzt schon den Abschied von Winterkorn zu fordern, sei ein Unding, ergänzte auch Osterloh später. Und fügte trotzig hinzu: „Ich stehe zu Herrn Dr. Winterkorn.“ Das könnte voreilig sein. Denn letzten Endes geht es in Wolfsburg nicht um Personen, sondern nur um eines: Volkswagen – das Auto. Ob auch hierzulande Angaben zur Schadstoffbilanz von Dieselmotoren bei VW gezinkt worden sind, ist noch unklar.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Für 240 Millionen Dollar: US-Unternehmen kauft Skihersteller Völkl
Der niederbayerische Sportartikelhersteller Völkl wechselt erneut den Eigentümer. Zukünftig wird das Unternehmen zu einem anderen US-Konzern gehören. 
Für 240 Millionen Dollar: US-Unternehmen kauft Skihersteller Völkl
Wiesenhof-Chef wehrt sich gegen Verbot von Fleischbezeichnungen für Veggie-Produkte
Der Chef des Geflügelfleischproduzenten Wiesenhof, Peter Wesjohann, wehrt sich gegen Vorschriften zur Bezeichnung von Veggie-Lebensmitteln.
Wiesenhof-Chef wehrt sich gegen Verbot von Fleischbezeichnungen für Veggie-Produkte
Volkswirte sehen deutsche Wirtschaft in Top-Form
In vielen Chefetagen herrscht geradezu eine Konjunktur-Euphorie, auch Volkswirte sprechen von "sonnigen Aussichten" für die deutsche Wirtschaft. Das hilft dem …
Volkswirte sehen deutsche Wirtschaft in Top-Form
Volkswirte sehen deutsche Wirtschaft in Topform - Vereinzelt Skepsis
In vielen Chefetagen herrscht geradezu eine Konjunktur-Euphorie - und auch Volkswirte sprechen von „sonnigen Aussichten“ für die deutsche Wirtschaft. Das sorgt für …
Volkswirte sehen deutsche Wirtschaft in Topform - Vereinzelt Skepsis

Kommentare