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Wer die Kreditlast los sein will, muss zahlen.

Vorfälligkeitsentschädigung: Die Rechentricks der Banken

Ein unerwarteter Geldsegen kann für verschuldete Eigenheimbesitzer zum Fluch werden. Denn wenn Immobilienkredite vorzeitig getilgt werden können, will die Bank in der Regel dafür viel Geld.

Das sperrige Wort heißt „Vorfälligkeitsentschädigung“. Es ist eine Art Schadensersatz für entgangene Zinsen, den die Bank haben will, wenn ein Darlehen vor der eigentlichen Ablaufzeit abgelöst wird. Da werden bei hohen Darlehenssummen und langen Restlaufzeiten mitunter horrende Summen fällig – gerade in einer Niedrigzinsphase, in der wegen der geringen Zinsen bei einer Wiederanlage der Schaden für die Bank groß ausfällt.

So wird gerechnet

Dieser Schaden berechnet sich nach einem Muster:

Die Bank nimmt die Zinsen, die ihr wegen der Rückzahlung entgehen.

Dagegen rechnen muss die Bank, was sie mit dem Geld – in Pfandbriefen – erwirtschaften kann.

Abgezogen werden müssen auch die gesparten Kosten für das Ausfallrisiko des Kredits.

Dazu kommt aber noch eine Gebühr, die nach Angaben von Verbraucherschützern 150 Euro nicht überschreiten soll

Ein seltener Anspruch

Was die wenigsten wissen: Nur in Ausnahmefällen hat man einen Anspruch auf die vorzeitige Rückzahlung. Diese ist zum Beispiel möglich, wenn man das Haus oder die Wohnung verkaufen will oder muss. Auch wenn zusätzliches Geld etwa für eine Renovierung benötigt wird und die eigene Bank den Zusatzkredit ablehnt, darf man laut der Zeitschrift „Finanztest“ gegen Entschädigung vorzeitig kündigen. Nur wer ein solches berechtigtes Interesse vorweisen kann, hat Anspruch auf die gesetzlich geregelte Vorfälligkeitsentschädigung.

Geldsegen

Ein plötzlicher Geldsegen dagegen, etwa durch einen Lottogewinn oder eine Erbschaft, ist kein Kündigungsgrund. Wer in so einem Fall vorzeitig tilgen will, ist auf das Entgegenkommen seiner Bank angewiesen. Die kann eine Entschädigung dann auch frei festsetzen. Das Gleiche gilt bei einer geplanten Umschuldung wegen gesunkenem Zinsniveau.

Steuerfalle

Es könnte also unter dem Strich lohnend sein, weiter Zinsen zu zahlen und das eigene Vermögen anzulegen. Doch hier lauert eine Falle: Zinsen für das selbstbewohnte Haus haben steuerlich keine Auswirkung. Doch das angelegte Geld unterliegt der Steuer.

Der Nachteil kann in einem anderen Fall bei vermietetem Eigentum sogar zum Vorteil werden. Denn in diesem Fall mindern die Darlehenszinsen die Steuerlast zum persönlichen Steuersatz. Die Zinsen fürs angelegte Geld werden aber nur mit der meist günstigeren Abgeltungssteuer belegt.

Forderung prüfen

Nur in den Fällen, in denen ein berechtigtes Interesse zur vorzeitigen Darlehenstilgung besteht, können Verbraucher die Berechnung der Bank zur Vorfälligkeitsentschädigung überprüfen lassen. Das bietet für eine Gebühr von 51 Euro die Zeitschrift „Finanztest“ gemeinsam mit den Verbraucherzentralen Hamburg und Bremen an. Das Geld ist gut eingesetzt. Jede zweite Berechnung ist, nach den bisherigen Erfahrungen, falsch. Dabei handelt es sich in der Regel um vier- oder fünfstellige Beträge, die man sparen kann.

Falsch gerechnet

Denn bei der Berechnung des Schadens muss die Bank eigentlich davon ausgehen, dass ein Kunde alle im Vertrag vereinbarten Sondertilgungsrechte nutzt oder auch die ihm eingeräumte Möglichkeit, die Monatsraten zu erhöhen. Dies aber fällt bei der Berechnung durch die Banken immer wieder zum Nachteil des Kunden unter den Tisch.

Variable Zinsen

Wird ein Darlehen bei variablem Zinssatz abgeschlossen, hat die Bank gar keinen Anspruch auf Vorfälligkeitsentschädigung. Es kann immer ohne Entschädigung getilgt werden. Es ist lediglich die Kündigungsfrist von drei Monaten einzuhalten. Daher kann es in Fällen, in denen die Zahlung eines größeren Geldbetrags zu erwarten ist, durchaus sinnvoll sein, einen variablen Zinssatz zu bevorzugen. Das gilt generell auch bei relativ geringen Restdarlehen, bei denen die möglicherweise stark steigenden Zinsen nicht so sehr ins Gewicht fallen.

Lange Laufzeit

Länger als zehn Jahre ist kein Kunde an seine Bank gebunden. Selbst bei Darlehenslaufzeiten von 15 Jahren und mehr ist zehn Jahre nach dem vollständigen Empfang der Darlehenssumme eine entschädigungsfreie Kündigung möglich.

Keine Grundschuld

Ist der Kredit nicht durch eine Hypothek oder Grundschuld abgesichert, kann ebenfalls entschädigungslos gekündigt werden. Und zwar sechs Monate nach vollständigem Erhalt der Kreditsumme mit einer Kündigungsfrist von drei Monaten.

Im Ernstfall

Auf seine Rechtschutzversicherung sollte man sich beim Streit um eine Vorfälligkeitsentschädigung nicht verlassen. Denn solche Streitigkeiten sind in der Regel nicht abgedeckt. Man steht also vor Gericht allein. Doch in begründeten Fällen lenken die Banken ein.

Hier wird geholfen

Für 51 Euro überprüft die Stiftung Warentest die Abrechnung der Bank: www.test.de (Suchwörter: Vorfälligkeitsentschädigung und Analyse).

mm

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