Vorreiter gegen die Kunst des Gipsens

Valley - Sie sehen sich als Kämpfer gegen das "Kasten-Denken" der Versicherungen, gegen konservative Mediziner und gegen das "Kunstwerk des Gipsens", und sie verstehen sich als Vorreiter der modernen Patientenversorgung. Große Worte für einen Mittelständler wie die Oped GmbH aus Valley im Mühltal.

Der 100-Mann-Betrieb hat sich auf orthopädische Rehabilitationsprodukte für Gelenkverletzungen, Bänderschäden und Frakturen spezialisiert. Ein lädiertes Sprung- oder Handgelenk, eine gerissene Achillessehne, ein gebrochener Knöchel oder kaputte Bänder werden mit einer Mischung aus Vakuumkissen und stabilem Kunststoffrahmen behandelt - eine "klar bessere Alternative zum herkömmlichen Gips", wie die Geschäftsführer Stefan Geiselbrechtinger und Andreas Haßler betonen. Es hat allerdings viele Jahre und Prozesse gebraucht, um auch die Krankenkassen vom neuen System zu überzeugen.

Das System ihrer "Vaco"-Produkte klingt simpel: Der Patient legt die Schiene an, das mit Styroporkügelchen gefüllte Kissen passt sich den Formen des Fußes an, dann wird alle Luft abgepumpt, ein Vakuum entsteht und das Kissen ist hart wie Beton - oder wie Gips, nur eben sehr viel leichter.

"Die Patienten sind mit unserer Schiene mobiler, können früher mit Bewegungstherapien anfangen und verlieren so viel weniger an Muskeln", erklärt Geiselbrechtinger. Damit sei außerdem die Gefahr der Gelenkversteifung minimiert. "Hygienischer ist es natürlich auch", fügt der 39-Jährige hinzu, weil man die Schiene zum Waschen und zur Wundversorgung abnehmen könne. Klinische Studien hätten bewiesen, dass der Heilungsprozess mit den Vakuum-Stützschienen optimaler verlaufe.

Und weil Patienten im Schnitt eine Woche früher als bei der klassischen Gips-Behandlung wieder zurück an ihren Arbeitsplatz könnten, sei auch der volkswirtschaftliche Nutzen nicht zu verachten.

"Nach und nach setzt sich unsere Technik mehr und mehr durch", sagt Geiselbrechtinger. Mittlerweile zählt Oped 30 000 Versorgungen im Jahr und knapp die Hälfte der insgesamt rund 2000 Kliniken in Deutschland als Kunde. Dem sei allerdings ein 14 Jahre langer Prozess des Umdenkens vorausgegangen - und ein zähes Ringen mit Kassen und Medizinern über Abrechnungen, Hilfsmittelnummern und andere verwaltungstechnische Hürden. "Den Krankenkassen hat sich sogar die Frage gestellt, ob unser Produkt überhaupt ein Hilfsmittel ist, weil sie es in ihren bisherigen Verzeichnissen nicht exakt einordnen konnten", erinnert sich Firmengründer Haßler. Erst Anfang diesen Jahres entschied das Bundessozialgericht in Kassel endgültig, dass das Versorgungssystem "Vaco-ped" eine zwingende Kassenleistung ist - nach elf Jahren Rechtsstreit.

Dieser Sieg ist für Oped Segen und Fluch zugleich, denn sie haben damit auch den Weg für Mitbewerber geebnet. "Jetzt müssen wir mit Produkten konkurrieren, die in Mexiko gefertigt wurden und sehr viel preisgünstiger sind", sagt Geiselbrechtinger. "Nur um den Wettbewerb zu gewährleisten, akzeptieren die Kassen plötzlich Marken, die überhaupt nicht denselben Ansprüchen gerecht werden müssen wie wir", ärgert sich Haßler - die nächsten Schlachten kündigen sich daher bereits an.

Doch das ist für die Oped-Chefs nichts Neues, zumal sie sich gerne als wehrhaftes "gallisches Dorf" bezeichnen - sogar ein Hinkelstein steht auf dem Firmengelände unter der Autobahnbrücke. Klischees wollen gepflegt werden.

In den letzten drei Jahren ging es mit Oped kontinuierlich bergauf. Für heuer peilt die Firma den Sprung über die 10-Millionen-Euro-Umsatzgrenze an. Die Ziele gehen aber noch weit darüber hinaus: "Derzeit haben wir in Deutschland einen Marktanteil von etwa 15 Prozent", sagt Geiselbrechtinger, daraus sollen in Zukunft 50 Prozent werden.

Schon jetzt platzt das Unternehmen aus allen Nähten. Den Platz unter der Brücke werde man wohl bald verlassen, kündigt Haßler an. Komplett ins Ausland zu gehen, kommt für Oped aber nicht in Frage, vielmehr stehe man in Verhandlungen um ein Gebäude in der Region.

Fertigung, Vertrieb und Aufbereitung der Schienen laufen intern, wobei das meiste Handarbeit ist. "Riesige Roboterstraßen werden wir nie haben", sagt Haßler, denn das müsste ja bedeuten, dass die Unglücksfälle exorbitant steigen. "Außerdem produzieren wir keine Konsumgüter und verkaufen auch nicht das Produkt an sich, sondern die Behandlung", erklärt der Firmengründer. Ist die Verletzung kuriert, geht die Vakuum-Stütze retour und wird in Valley wiederaufbereitet. 24 Wochen beträgt die Einsatzzeit der "Vaco-peds". Dabei bilden Unfälle im Haushalt und in der Arbeit den Grundstock der Versorgungsfälle, Spitzen ergeben sich, wenn viele Menschen im Freien aktiv sind oder das Wetter unfallträchtig ist. Bei Blitzeis etwa, steige der Bedarf schlagartig.

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