Vorteil für Boeing im Duell der Giganten

München - Die weltweite konjunkturelle Eintrübung macht auch vor der Luftfahrtindustrie nicht halt. Auf der wichtigsten europäischen Branchenmesse in Farnborough werden die Verkaufszahlen wohl hinter den Rekorden der letzten Jahre zurückbleiben.

Für Fachbesucher und Aussteller gilt der Termin als Strafexpedition. Das Farnborough Airfield, rund 50 Kilometer südöstlich von London, verheißt endlose Anfahrtszeiten im stockenden Verkehr. Doch ist die Farnborough Airshow für viele einfach Pflicht: der wichtigste europäische Branchentreff in diesem Jahr. Die Messe wechselt sich im jährlichen Rhythmus mit der Pariser Luftfahrtshow am Flugplatz Le Bourget ab. Das Auftragsfeuerwerk, das Airbus dort 2011 zünden konnte, wird sich diesmal wohl nicht wiederholen. Das liegt zum einen an der eher militärischen Ausrichtung der britischen Messe. Zum anderen aber auch an den globalen konjunkturellen Bremsspuren.

Am Himmel über Farnborough liefern sich Boeing und Airbus den Zweikampf ihrer aktuellsten Modelle. Der zweistöckige Airbus A380 wird ebenso im Einsatz sein wie der Boeing-Dreamliner 787. Das Duell hinter den Kulissen sieht anders aus. Hier geht es um die kleineren Flieger. Airbus A320 neo und Boeing B 737 max sind die aktuellen Bestseller der beiden Rivalen.

Erstmals seit Jahren scheint Boeing die Nase vorn zu haben. Im ersten Halbjahr 2012 haben die Amerikaner 287 Flugzeuge ausgeliefert, die Europäer nur 279. Unsicher ist, ob Boeing in diesem Zeitraum auch mehr Bestellungen einsammeln konnte. Hier lässt sich Airbus ungern in die Karten schauen. Monatelang wird mit Kunden verhandelt, um dann bei wichtigen Messen die Milliardenabschlüsse möglichst publikumswirksam präsentieren zu können. Gestern jedenfalls war Boeing schneller, verkündete den Verkauf von 75 Flugzeugen des modernisierten Bestsellers B 737 max.

7,2 Milliarden Dollar sei der Auftrag wert – eine Zahl, die wie immer falsch ist. Denn dabei werden die Listenpreise addiert. Der wirkliche Preis ist Geheimsache. Flugzeuge werden immer mit gewaltigen Rabatten verkauft. Zwischen rund 20 und 60 Prozent Nachlass handeln die Käufer aus, will das Wall Street Journal erfahren haben. Im Durchschnitt seien es 45 Prozent. Bestätigt werden solche Zahlen nicht, die Größenordnung dürfte aber realistisch sein.

Das Auftragspolster der beiden Giganten von rund 8000 Maschinen lastet die Produktion noch jahrelang aus. Wer heute ein Flugzeug ordert, muss bis zum Liefertermin entsprechend lang warten. Allerdings schrumpft der Auftragsberg nicht nur durchs Abarbeiten. Airbus musste im laufenden Jahr bereits mehrfach Abbestellungen hinnehmen.

Dennoch ist das Hauptproblem beider Konkurrenten der Aufbau der notwendigen Kapazitäten. Boeing-Chef Jim McNerney beklagt den Fachkräftemangel in den USA: „Wir bringen nicht genug hochqualifizierte technisch ausgebildete Menschen hervor“, sagte er im Vorfeld der Messe.

Das könnte sich in den nächsten Jahren noch verschärfen. Denn auch bei der Nachfrage nach Arbeitskräften wird Boeing Konkurrenz bekommen. In Mobile im US-Staat Alabama will Airbus eine weitere Fertigungslinie für die kleineren Flugzeuge aufbauen. Es ist nach China die zweite außerhalb Europas. Airbus-Chef Fabrice Bregier folgt damit der Linie seines Vorgängers, des heutigen EADS-Konzernchefs Thomas Enders, der vor allem auf einen Durchbruch in den USA setzt. Beide hoffen mit dem neuen Werk, gegen den dominierenden lokalen Rivalen Boeing einen Fuß auf den Boden zu bekommen.

Das gelang bereits der Airbus-Konzernschwester Eurocopter. Ein Werk in den USA und der Name American Eurocopter brachte den Durchbruch. Sogar die patriotischen US-Behörden kaufen heute Drehflügler mit deutsch-französischer Technik.

Ein Airbus-Sorgenkind bleibt auch in Farnborough am Boden. Der Militärtransporter A400M. In einem der Triebwerkskästen wurden Metallspäne bislang unbekannter Herkunft entdeckt.

Von Martin Prem

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