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Nach dem Abgas-Skandal kommen die harten Zeiten für VW-Städte.

Rotstift statt Geldsegen

VW-Städte wie Ingolstadt stellen sich auf harte Zeiten ein

München - Die Volkswagen-Krise ist noch lange nicht vorbei. Erst am Mittwoch stoppte der Autobauer den Verkauf von Neuwagen mit der manipulierten Software – in der ganzen EU. Die Städte, die von VW leben, stellen sich auf sehr harte Zeiten ein.

VW: Ingolstadt brechen 130 Millionen weg

Die Hiobsbotschaft vom Abgas-Skandal kam als Eilmeldung auf das Smartphone des Oberbürgermeisters. Christian Lösel (CSU) will nicht groß darüber sprechen, was ihm in dem Moment durch den Kopf ging. Aber man kann sich ausmalen, was ein Rathauschef denkt, dessen gesamte Stadt am VW-Konzern hängt.

An VW? Lösel stellt da gleich mal was klar: „Wir sind Audi-Standort, nicht VW-Standort.“ Er spricht über die „tollen“ Modelle, über Innovationen, schwärmt vom Erfolgskurs von Audi in den vergangenen Jahren. An einem kommt er aber bei aller Distanzierung nicht vorbei: Gewerbesteuer zahlt der VW-Konzern, nicht die 100-prozentige Tochter Audi. Auch Ingolstadt trifft der Abgas-Skandal deshalb hart.

Wie hart, darüber zerbrechen sich in der Stadt derzeit viele den Kopf. In den kommenden eineinhalb Jahren gibt es wohl keine Gewerbesteuer vom Autokonzern. Bis zu 130 Millionen Euro brechen weg. Vorsorglich hat der Stadtrat beschlossen, bei einem Großteil der laufenden Ausgaben künftig 15 Prozent einzusparen. „Der Verwaltungshaushalt steht unter Beobachtung“, sagt Lösel.

Die wichtigsten deutschen VW-Standorte und die Zahl der Arbeitsplätze. Ein weiteres Werk (14 000 Mitarbeiter) gibt es etwa in Hannover, wo die Marke „VW Nutzfahrzeuge“ sitzt. In Ingolstadt liegt die Zentrale der VW-Tochter Audi.

Der Skandal ist ein kräftiger Dämpfer nach einem langen Höhenflug. Jahrelang ging es mit Audi nur nach oben – also auch mit Ingolstadt. Die Einnahmen sprudelten, die Stadt wuchs. Nirgends in Deutschland gibt es weniger Arbeitslose als in der Region im Norden Oberbayerns. Mehr als 40 000 Menschen arbeiten allein bei Audi. Hinzu kommen Tausende bei Zulieferern. Den Boom begleiteten Erfolge im Sport. Der ERC Ingolstadt gewann die Deutsche Eishockey-Meisterschaft, im Sommer stiegen die Fußballer vom FC in die Bundesliga auf. Das Problem: Beide Klubs hängen finanziell auch an Audi. Der Konzern ist mit fast 20 Prozent am FC Ingolstadt beteiligt und ist einer von drei Hauptsponsoren. „Was nicht zwingend nötig ist, wird gestrichen oder geschoben“, hat der neue VW-Chef Matthias Müller angekündigt. Was das für die Klubs bedeutet, ist noch ungewiss.

Auch für Kultur und Bildung nimmt die Stadt gerade ordentlich Geld in die Hand. Das Stadttheater soll in den kommenden Jahren mit 100 Millionen Euro generalsaniert werden. Ein Museum für Konkrete Kunst wird gebaut. Hinzu kommen große Schulrenovierungen, neue Kindertagesstätten. Kosten: weit mehr als 100 Millionen Euro. Und mit Audi ist ein riesiger Innovationscampus am Stadtrand in Planung.

Alle Projekte würden fortgesetzt, verspricht Lösel. „Wir schränken unsere Investitionen nicht um einen Cent ein.“ Viel spricht derzeit dafür, dass er sein Versprechen tatsächlich halten kann. Die Stadt ist mit dem neuen Reichtum in den vergangenen Jahren solide umgegangen. Abgesehen von Tochtergesellschaften ist die Kommune schuldenfrei. Mehr als 400 Millionen Euro liegen auf der hohen Kante. Und noch gibt es trotz VW-Skandals keine Anzeichen für einen Einbruch der Wirtschaftslage.

Und trotzdem: Düstere Szenarien gibt es viele. Der Name Detroit fällt in vielen Gesprächen – sei es im Stadtrat oder auf der Straße. Die Angst: Dass Ingolstadt irgendwann wie die US-Metropole mit der Autoindustrie untergehen könnte. In Wahrheit sei auch die Stadtspitze nicht so gelassen, wie sie sich gebe, meinen Beobachter. Es werde viel hin- und hergerechnet – für den Fall, dass der Abwärtsstrudel doch stärker sein sollte als erhofft.

In der VW-Stadt Wolfsburg sparen sie am Fußball

In ganz Niedersachsen ist man mehr als nervös. Volkswagen hat dort in den vergangenen Jahren Gold regnen lassen: Weltweit hat VW 600.000 Mitarbeiter, jeden fünften in Niedersachsen. Die größten Standorte: Wolfsburg, Hannover, Braunschweig, Salzgitter, Osnabrück und Emden.

Vor allem Wolfsburg, dort ist die Zentrale, erschüttert die Krise. 120 000 Einwohner hat die Stadt, in dem riesigen VW-Werk arbeiten 70 000 Menschen. Viele machen sich Sorgen: Nicht zuletzt, weil Oberbürgermeister Klaus Mohrs (SPD) keinen Hehl daraus macht, dass mit dem VW-Absturz die Steuereinnahmen in den Keller fallen. Mohrs erwartet „deutliche Gewerbesteuereinbußen“.

Im vergangenen Jahr hat Wolfsburg 300 Millionen Euro Gewerbesteuer eingenommen, wie groß der VW-Anteil ist, ist ein Geheimnis. Schätzungen gehen von zwei Drittel aus. Mohrs sperrte umgehend nach den ersten verheerenden Meldungen aus den USA den öffentlichen Haushalt, die Stadt – derzeit schuldenfrei – stellt bis auf weiteres keine neuen Mitarbeiter ein. Niemand müsse sich Sorgen um seinen Arbeitsplatz bei der Stadt machen, versichert Mohrs. Er betont aber: „Wir müssen zahlreiche Maßnahmen für die Weiterentwicklung unserer Stadt auf den Prüfstand stellen.“ Welche? Das ist derzeit unklar.

Beim Bundesligisten VfL Wolfsburg, eine hundertprozentige VW-Tochter, fordert die Krise schon jetzt Einschnitte: Die Pläne für ein bis zu 40 Millionen Euro teures Nachwuchszentrum sind auf Eis gelegt. Immerhin: Für Transfers ist noch Geld da.

Volkswagen: Weniger Dienstautos in Braunschweig

Die 250 000-Einwohner-Stadt ist der älteste VW-Standort. Fast 7000 Menschen fertigen in Braunschweig Lenkungen und Achsen. Wer im Rathaus nach öffentlichen Finanzen fragt, bekommt gereizte Antworten. VW ist auch hier überall, der Basketball-Bundesligist zum Beispiel spielt in der „Volkswagen Halle“. Zwar hängt Braunschweig finanziell weniger stark ab vom Autokonzern als Wolfsburg. Doch der Haushalt, den das Rathaus nur eine Woche vor Bekanntwerden des Skandals präsentiert hatte, muss komplett überarbeitet werden.

2014 kassierte die Stadt Braunschweig 160,7 Millionen Euro Gewerbesteuer. Wie viel davon VW überwiesen hat, will auch Oberbürgermeister Ulrich Markuth (SPD) nicht sagen. „Steuergeheimnis“, wiegelt er ab. Freilich wirke sich die Entwicklung bei VW aus. „Wir werden uns nicht alles leisten können, was wir zunächst vorhatten.“ Markuth sperrte Ende September einen Teil des Haushaltes, rund 20 Millionen Euro. Gespart wird an Fortbildungen, Büromaterial oder Dienstfahrzeugen für Rathaus-Mitarbeiter. Bis Jahresende sollen weitere Einsparungen vorgeschlagen werden. „Wir prüfen alles“, sagt ein Sprecher der Stadt.

In Emden wird es eng für neue Schulen

Ganz anders ist es in Emden, rund 300 Kilometer von Braunschweig entfernt. Die Stadt mit ihren 50 000 Einwohnern genießt den Status: Hoffnung Ostfrieslands. VW ist in Emden der wichtigste Arbeitgeber, im Werk gibt es 9000 Jobs. Hier bauen Mechaniker und Ingenieure hauptsächlich Passats zusammen. Außerdem verlädt der VW-Konzern in Emden die Autos nach Übersee. Man könnte meinen, hier an der Nordsee müsste der Skandal hohe Wellen schlagen. Doch im Emdener Rathaus regiert noch Gelassenheit. „Klar“, sagt der Kämmerer Horst Jahnke, „das wird uns schwer treffen.“ Die Stadt müsse umplanen. Gleichwohl sei keine Haushaltssperre geplant: „Es besteht kein akuter Handlungsbedarf. Wir haben für dieses Jahr sehr vorsichtig kalkuliert“, sagt Jahnke. Für Investitionen in Straßen und Schulen in der Höhe von 50 Millionen Euro und den Neubau eines Krankenhauses könnte es trotzdem eng werden.

VW: Salzgitter hängt auch von MAN ab

VW ist nicht das einzige Thema, mit dem sich die Stadt Salzgitter und ihre knapp 100 000 Einwohner herumschlagen müssen. Die Bundesregierung will ab 2022 in einem stillgelegten Bergwerk Atommüll lagern – trotz Protesten. Nicht gerade Standortwerbung. Und jetzt: Ausgerechnet die Dieselaggregate, die VW in die Krise stürzten, stammen aus dem Motorenwerk Salzgitter, in dem 7000 Menschen arbeiten.

Die Stadtverwaltung ist angespannt – aber ruhig: Mögliche Ausfälle bei der Gewerbesteuer kann der Haushalt offenbar verkraften. Es gibt hier auch andere große Konzerne, das börsennotierte Stahlwerk Salzgitter AG zum Beispiel. Allerdings sind viele Arbeitsplätze in Salzgitter indirekt vom VW-Konzern abhängig, wie zum Beispiel vom Tochterkonzern MAN. Der Lastwagenbauer beschäftigt in Salzgitter 2500 Menschen.

Zwickau streicht Begrüßungsgeld

In Zwickau spüren die Bürger die VW-Krise direkt. Gespart werden soll an der Sanierung von Schulen und Sporthallen, an der kostenlosen Schülerbeförderung, am Gratis-Mittagessen für bedürftige Kinder, am kostenlosen Eintritt in einigen Museen – und Neugeborene bekommen künftig kein Begrüßungsgeld mehr. Die Stadtverwaltung schätzt, dass die Gewerbesteuereinnahmen durch die VW-Krise in diesem Jahr um zehn Millionen Euro zurückgehen. Bürgermeisterin Pia Findeiß (SPD) rechnet mit dramatischen Folgen für ihre Stadt, sie spricht von bedrohlichen Einnahmeverlusten.

Die sächsische Stadt ist das Zugpferd der ostdeutschen Autoindustrie. Mit 9000 Beschäftigten der Volkswagen Sachsen GmbH ist Zwickau wichtiger als die Standorte in den deutlich größeren Städten Dresden und Chemnitz. Täglich rollen mehr als 1300 Autos vom Band, darunter die Modelle Golf und Golf Variant. In der gesamten Region hängen annähernd 20 000 Arbeitsplätze an VW, zum Beispiel in Zulieferfirmen und im Dienstleistungsbereich.

Baunatal würde es ohne VW nicht geben

Baunatal bei Kassel hat 28 000 Einwohner – und ohne VW würde es den Ort gar nicht geben. Tatsächlich: Das Städtchen in Nordhessen wurde erst 1964 gegründet, als Zusammenschluss mehrerer Gemeinden. Der Grund: die Ansiedlung des VW-Werks, das heute das zweitgrößte VW-Werk Deutschlands. 17 000 Beschäftigte arbeiten dort. Bürgermeister Manfred Schaub (SPD) warnt davor, wegen der Krise „in Panik zu verfallen“. Er gehe aber davon aus, dass die Stadt kaum Gewerbesteuer von VW bekommen werde. Für Krisenzeiten hat Baunatal 40 Millionen Euro Rücklagen. Ob die allerdings für geplante Großprojekte wie den Umbau der Kulturhalle, des Rathauses und der Stadthalle angefasst werden, das weiß in Baunatal im Moment niemand. Til Huber Und Thomas Radlmaier

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