VW-Affäre: Aufsichtsratschef Piëch bestreitet Mitwisserschaft

Braunschweig - Der mächtige VW-Aufsichtsratschef Ferdinand Piëch hat eine Mitwisserschaft in der VW-Affäre um Untreue und Lustreisen auf Firmenkosten bestritten. Der frühere Vorstandschef sagte am Mittwoch als Zeuge vor dem Landgericht Braunschweig, er habe von den Unregelmäßigkeiten nichts gewusst.

"Wäre es mir zu Ohren gekommen, hätte ich es vehement verfolgt und abgestellt", sagte er. In dem Prozess angeklagt sind der frühere Betriebsratschef Klaus Volkert und Ex-Personalmanager Klaus-Joachim Gebauer. Sie müssen sich im Kern wegen Anstiftung zur Untreue sowie Untreue verantworten. Volkert soll Ex-Personalvorstand Peter Hartz dazu angestiftet haben, ihm Sonderboni in Höhe von fast zwei Millionen Euro zu zahlen. Gebauer ist wegen der umstrittenen Abrechnung von Reisen angeklagt.

Piëch sagte, er habe nichts von Sonderbonuszahlungen an Volkert gewusst. Für die Zusammenarbeit mit dem Betriebsrat sei der ehemalige Arbeitsdirektor Hartz zuständig gewesen. Hartz habe ihn zwar wegen einer Behandlung Volkerts als Top-Manager angesprochen und er habe keine Einwände gehabt. Über Einzelheiten sei aber nicht gesprochen worden. Konkrete Zusagen an Volkert habe er aber zu keinem Zeitpunkt gemacht, sagte der heutige Aufsichtsratschef Piëch, der von 1993 bis 2002 VW-Konzernchef war. Hartz hatte bereits im Dezember ausgesagt, dass Volkert wie ein Markenvorstand behandelt werden sollte - wie das umzusetzen war, sei aber Sache des Personalvorstands und damit seine Entscheidung gewesen. "Herr Piëch hat die Autos entwickelt."

Piëch sagte zudem aus, er habe zu seiner Zeit als Vorstandschef "zu keinem Zeitpunkt" Kenntnis von einem Missbrauch von "Vertrauensspesen" durch Betriebsräte gehabt. Auch von dem Sex-"Beiprogramm" bei Dienstreisen von Betriebsräten habe er nichts gewusst. Der 70-Jährige sagte, wenn ihm ein Missbrauch zu Ohren gekommen wäre, hätte er seine "schärfste Polizei" geschickt, die Revision.

Er habe keinerlei Anlass gehabt, sich mit dem Konto "1860" zu beschäftigen, sagte Piëch. Dieses sei eines von 6000 oder 7000 Konten bei VW gewesen. Über die Kostenstelle "1860" wurden von Ex-Personalmanager Gebauer unter anderem Lustreisen auf Firmenkosten bezahlt.

Laut Staatsanwaltschaft hatte ein unbekannter Informant gesagt, der ehemalige VW-Finanzvorstand Bruno Adelt könnte Piëch auf die Kostenstelle "1860" angesprochen haben - wegen der "Belastungen" dieses Sonderkontos. Adelt jedoch wies mittlerweile bei seiner Vernehmung vor dem Landgericht im Dezember die Vorwürfe gegen Piëch zurück. Er habe selbst keine Kenntnis über mögliche Unregelmäßigkeiten gehabt, sagte Adelt. Auch VW hatte die Vorwürfe gegen Piëch scharf zurückgewiesen.

Piëch sprach zu Beginn seiner knapp zweistündigen Zeugenaussage vor Gericht über die Lage zu seinem Antritt als VW-Vorstandschef 1993. VW sei damals in einer "katastrophalen Situation" gewesen, der Autobauer habe kurz vor dem Zusammenbruch gestanden. Es hätten Massenentlassungen gedroht, dies habe dann Hartz mit der Vier-Tage-Woche und Lohnverzicht verhindert und sich damit das Vertrauen der gesamten Belegschaft und des Unternehmens erworben.

Piëch bestätigte vor Gericht zudem Aussagen von seiner Vernehmung durch die Staatsanwaltschaft im März 2006. Damals hatte Piëch mit Blick auf Sonderzahlungen an Volkert gesagt, er habe "niemals Geld verteilt", sondern sich in solchen unangenehmen Fällen dadurch "aus der Schlinge" gezogen, dass er an andere delegiert habe. Vor Gericht sprach Piëch nun von einer "zu starken Pointierung". Zugleich meinte er aber: "Ich gebe nicht gerne Geld, auch wenn mich jemand bittet."

Die Verteidigung wertete die Aussagen Piëchs als positiv. Volkert-Verteidiger Johann Schwenn sagte, sein Mandant sei entlastet worden. Piëch habe ausgesagt, dass VW bei seinem Amtsantritt kurz vor dem Zusammenbruch stand, später aber wieder gute Gewinne gemacht habe - unter Mitwirkung des Betriebsrats. Insofern beginne sich der Vorwurf der Untreue zu verflüchtigen, denn Untreue sei ein Vermögensdelikt. dpa hoe/pö yyni z2 so

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