VW-Betriebsrat schwächelt: Der Boss nutzt die Gunst der Stunde

- Wolfsburg - Seit drei Jahren ist Bernd Pischetsrieder Chef des VW-Konzerns. Seit drei Jahren räumt er die von Vorgänger Ferdinand Pië¨ch hinterlassenen Baustellen auf. Und seit drei Jahren schiebt er das zentrale Problem in Wolfsburg vor sich her, die Überkapazität. Nun war Schluss: In einer Werkshalle stellte sich Pischetsrieder der Belegschaft und kündigte den Abbau von mehreren tausend Stellen an. VW habe an den deutschen Standorten, vor allem in Wolfsburg, "einen Personalüberhang in einer Größenordnung von mehreren tausend Mitarbeitern", sagte der Konzernchef.

Seit Jahren wissen Belegschaft, Manager und Gewerkschaft, dass VW gigantische Überkapazitäten aufgebaut hat. 6 Millionen Autos könnte der Konzern jedes Jahr bauen, 5,1 Millionen werden nur verkauft. Grund: Seit den frühen 90er-Jahren baute der Konzern moderne und profitable Autofabriken in Osteuropa, etwa in Polen oder Tschechien. Wegen der niedrigen Löhne und moderner Technik wird dort viel billiger produziert als in Deutschland.

Doch der mächtige Konzernbetriebsrat achtete darauf, dass in Deutschland umgekehrt keine Fertigung geschlossen wurde. Auch der Hauptaktionär, das Land Niedersachsen, wollte möglichst viele Jobs halten. Das führte dazu, dass die Gewinne der Auslandsproduktion Verluste im Inland subventionierten.

Jetzt nutzt Pischetsrieder die Gunst der Stunde: Die Macht des Betriebsrates ist nach der Affäre um Reisen des früheren Vorsitzenden Klaus Volkert geschwächt. Und nachdem auch Ex-Personalvorstand Peter Hartz wegen der Affäre abtreten musste, übernahm Pischetsrieder selbst das Personalressort - und zwar sehr aktiv, wie sich jetzt zeigt. Außerdem hat der Konzernlenker offenbar den Ministerpräsidenten von Niedersachsen, Christian Wulff, von der Notwendigkeit der Einschnitte überzeugt.

Wer Pischetsrieder die letzten Jahre beobachtet hat, war nicht überrascht von der Ankündigung: In Brasilien drückte vor drei Jahren ebenfalls das Problem der Überkapazitäten. Erfolglos versuchte der auch für Brasilien zuständige Peter Hartz den Abbau schmerzlos hinzubekommen. Am Ende griff Pischetsrieder durch, es mussten 4000 VW-Arbeiter gehen. Die Aktion kostete den Konzern rund 120 Millionen Euro. Heute ist das Geschäft in dem Land wieder profitabel.

Auch in Spanien scheute er nicht den Konflikt mit der Seat-Belegschaft. In Deutschland hatte Pischetsrieder zunächst stillgehalten. Aber in den letzten Wochen häuften sich seine Hinweise auf die zu hohen Kosten in der Heimat, wovon er auch das Personal nicht ausnahm. In den Kampf schickte er VW-Markenchef Wolfgang Bernhard, der im Zusammenhang mit dem geplanten Golf-Geländewagen ein Ultimatum an die Belegschaft stellte. VW werde den Marrakesch statt in Wolfsburg in Portugal bauen lassen, falls der Betriebsrat nicht bis zum 26. September niedrigere Arbeitskosten akzeptiere, sagte er. Allerdings soll es nicht zu Entlassungen kommen. Mit Abfindungen, Altersteilzeit und Vorruhestandsregelungen will der Konzern das Problem in den Griff bekommen.

Der Betriebsrat stellt indes auch Forderungen: Volkert-Nachfolger Bernd Osterloh sagte bei der Betriebsversammlung, die Suche nach Einsparungen "darf nicht auf eine Reduzierung der Personalkosten beschränkt werden". Trotzdem gilt es als sicher, dass der Betriebsrat am Ende auf die Forderungen eingeht. Denn ein VW-Sprecher machte klar, dass ein Scheitern der Verhandlung den Personalüberhang in Wolfsburg noch vergrößern würde. Im Klartext: Wenn der Betriebsrat sich jetzt quer legt, werden noch mehr Stellen in Wolfsburg gestrichen. Noch ist Pischetsrieder mit dem Aufräumen nicht fertig.

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