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„Die nächste Krise kommt hoffentlich erst in 15 oder 20 Jahren“: Jürgen Pfister.

„Wachstum ist ein universeller Problemlöser“

München - Interview mit Jürgen Pfister , Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank (Bayern LB ).

Als Chefvolkswirt der Bayerischen Landesbank (Bayern LB ) muss sich Jürgen Pfister zwar nicht mit Schrott-Wertpapieren des Instituts herumschlagen. Aber auch seine Aufgabe – die Beobachtung der Märkte und der Konjunktur – ist in Zeiten der historischen Finanzkrise nicht leicht. Im Redaktionsgespräch äußert sich der Münchner Ökonom über die Schwächen seiner Zunft und die Bedeutung des Wirtschaftswachstums.

Viele Menschen haben in dieser Wirtschaftskrise den Glauben an die Zunft der Wirtschaftsforscher verloren. Warum haben Sie alle diese Krise nicht kommen sehen?

Ich möchte niemanden – auch mich nicht – exkulpieren. Aber ich möchte versuchen nachzuzeichnen, wie es zu dieser Entwicklung gekommen ist. Die meisten Ökonomen sind auf realwirtschaftliche Aspekte konzentriert. Die Finanzsphäre spielt für die Konjunkturprognose eine vergleichsweise geringe Rolle. Das ist falsch, wie wir gemerkt haben.

Ein weiterer Punkt ist das Entstehen der Finanzkrise in den USA . Nicht nur Investmentbanken, sondern auch Regierungsstellen und neutrale Forschungsinstitute haben dort dieses Thema nicht gesehen. Es gab sicherlich ein paar Professoren wie Nouriel Rubini oder Robert Shiller , die rechtzeitig gewarnt haben. Sie wurden jedoch nicht gehört. Alan Greenspan (ehemaliger US-Notenbank-Chef/d. Red.) hat im Dezember 1996 auf Übertreibungen am Aktienmarkt hingewiesen. Das war richtig, aber gut drei Jahre zu früh. Ein Portfolio-Manager bei einer Bank, der damals danach gehandelt und Aktien verkauft hätte, hätte in seinem Job nicht lange überlebt. Denn die Kunden sind viel aggressiver, wenn sie Gewinne – die in der Folgezeit noch reichlich entstanden – nicht mitnehmen, als wenn sie Verluste, die der Markt erleidet, mitmachen. Wir werden auch in Zukunft erleben, dass solche Fehlentwicklungen nicht rechtzeitig erkannt werden.

Als ein Grund für das Entstehen der Finanzkrise wird fehlende Regulierung angesehen. Stehlen sich Großbritannien und die USA jetzt aus ihren selbstauferlegten Verpflichtungen zu mehr Regulierung?

Man muss diese Befürchtung in gewissem Umfang teilen. Die angloamerikanischen Märkte mit ihrer Fokussierung auf Kapitalmarktprodukte und Investmentbanking werden sehr sorgfältig darauf achten, dass keine Regulierung geschaffen wird, die ihnen einen Wettbewerbsvorteil nimmt. Es wird sicher der schwierigste Teil der ganzen Operation, für eine neue Weltfinanzarchitektur einen internationalen Konsens herzustellen.

Und wann wird die Krise vorbei sein?

Die erste Welle dieser Finanzkrise ist über uns hinweggerast: Das waren die toxischen Wertpapiere. Das Bankensystem steht noch – wenn auch nur, weil es massiv staatlich gestützt wurde. Die zweite Welle ist auf dem Ozean, aber noch nicht am Strand angekommen: Wertberichtigungen auf Unternehmenskredite als Folge der Rezession. Meine Befürchtung ist, dass wir 2010 mit etwa 40 000 Unternehmensinsolvenzen in Deutschland den bisherigen Rekord einstellen werden. Jede Hoffnung auf eine rasche und kräftige Erholung der Wirtschaft ist aus meiner Sicht völlig illusorisch. Die Bundesregierung hat ihre Projektion bis zum Jahr 2013 veröffentlicht. Demnach wird die Wirtschaftsleistung erst dann wieder auf einem Niveau sein wie 2008. Das heißt: Die Erholung wird schwach ausfallen.

Ist das Streben nach permanentem Wachstum nicht ohnehin zum Scheitern verurteilt?

Kürzlich bin ich gefragt worden, ob man denn überhaupt Wirtschaftswachstum brauche. Selbstverständlich brauchen wir das! Unsere ganze Gesellschaft ist auf einen steigenden Lebensstandard programmiert. Alle wollen jedes Jahr eine Gehaltssteigerung haben – und zwar nicht nur einen Inflationsausgleich.

Unsere weltweiten Ressourcen sind aber begrenzt. Wie soll da endloses Wachstum möglich sein?

Nach den Ölpreisschüben in den 70er- und 80er-Jahren ist das Wirtschaftswachstum sehr stark vom Energieverbrauch entkoppelt worden. Der Energieverbrauch pro Einheit des Bruttoinlandsprodukts ist seither um über 50 Prozent gesunken. Und das können wir noch viel besser machen. Ich bin zum Beispiel ein Fan des Wüstenstrom-Projekts Desertec: Auf einer Fläche in der Sahara, die auf jedem Atlas nur so groß aussieht wie eine Briefmarke, können wir 20 Prozent des europäischen Stroms erzeugen. Fantastisch!

Aber ist es denn richtig, gerade so weiterzumachen wie vorher?

Nein. Und mit den entsprechenden Regulierungen werden wir die nächste Krise hoffentlich erst in 15 oder 20 Jahren erleben. Finanzkrisen gab es immer und wird es auch wieder geben. Der Erfindungsgeist – man kann auch boshaft sagen: die Gier – des Menschen wird immer Lücken finden, um neue Regeln zu umgehen. Aber das hat nichts mit der Frage des Wirtschaftswachstums zu tun. Wachstum ist ein universeller Problemlöser. Denken Sie an die großen Herausforderungen, die wir jetzt haben: Demographie, Umweltschutz und Energie sowie die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte. All das können wir ohne scharfe soziale Verteilungskonflikte nur mit Wachstum lösen. Bei Wachstum haben wir die Möglichkeit, mehr für Umweltschutz und mehr für alte Menschen zu tun, ohne anderen etwas wegzunehmen.

Naturwissenschaftler sagen: Wachstum ins Unendliche geht nicht.

Das ist eine typische Professorenantwort. Ich rede nicht über die Unendlichkeit. Lassen Sie uns doch die nächsten 20 Jahre gestalten. Da müssen wir eine Antwort auf das demographische Problem und auf das CO2-Problem finden. Ob wir im Jahr 2500 exponentiell wachsen können, weiß ich nicht. Darüber sollen Akademiker philosophieren. Aber wenn wir Wirtschaftswachstum grundsätzlich für beendet erklären würden, müssten wir akzeptieren, dass Chinesen, Inder und noch ärmere Völker auf dem Niveau bleiben, auf dem sie sind. Oder wir müssten Teile unseres Wohlstands abgeben, damit diese Regionen nach vorne kommen.

Aber was hatten denn die Menschen vom Wachstum der letzten Jahre, in denen die Arbeitseinkommen real gesunken sind?

Die Globalisierung bedeutet vereinfacht gesagt, dass sich der Weltarbeitsmarkt um viele hundert Millionen Menschen vergrößert hat, weil Chinesen und Inder ihre Arbeitskraft im internationalen Wettbewerb anbieten. Der Weltkapitalstock wird durch diese Länder aber nur geringfügig größer. Was passiert also, wenn sich die Knappheitsverhältnisse ändern – mehr Arbeit und weniger Kapital? Dann wird die Entlohnung von Kapital höher und die von Arbeit geringer. Und die Hauptkonkurrenz besteht in der gering qualifizierten Arbeit. Wenn wir durch Wachstum ein stark steigendes Steueraufkommen hätten, könnten wir es uns leisten, die Menschen, die im Markt wenig verdienen, zusätzlich zu unterstützen. Ohne Wachstum gibt es das nicht.

Aufgezeichnet von Dominik Müller.

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