Währungsreform: Der Mythos D-Mark wird 60

München/Berlin - Gute Butter, echter Bohnenkaffee und exotische Südfrüchte: Als vor 60 Jahren am 21. Juni 1948 die D-Mark eingeführt wurde, waren über Nacht die leeren Auslagen der Geschäfte prall gefüllt. Die Händler im zerstörten Nachkriegs-Deutschland hatten Waren gehortet, weil sie der nutzlos gewordenen alten Währung Reichsmark nicht mehr trauten.

Nun konnten die Menschen plötzlich wieder alles kaufen. "Die neue Mark ­ ein Sesam öffne Dich", lautete damals eine Schlagzeile in den Zeitungen. Oder im Schlager: "Jetzt kommt das Wirtschaftswunder, der deutsche Bauch erholt sich auch und wird schon etwas runder." Auf diesem Effekt gründete der Mythos der D-Mark, der gerade für Ältere noch heute nachwirkt.

Die Nazis hatten den Krieg mit Papiergeld finanziert, einen Lohn-Preis-Stopp verhängt und Bezugsscheine ausgegeben. Dieses System ließen die Alliierten zunächst in Kraft. "Otto Normalverbraucher" standen täglich 1500 Kalorien zu, alle drei Monate gab es ein Ei. Für die Lebensmittelration eines Monats reichten 9,56 Reichsmark (RM). Doch der Schwarzmarkt enthüllte, wie wertlos das Geld war: eine einzige Zigarette kostete sechs RM, eine Glühbirne 50 RM, ein Pfund Kaffee gar 400 RM.

Aus den zerstörten Städten zogen die Menschen zu Fuß oder in überfüllten Güterzügen aufs Land, um eine Armbanduhr gegen Kartoffeln einzutauschen. Bauern oder Tierärzte fanden sich plötzlich im Besitz einer Leica oder Pelzstola, mit der sie erst Jahrzehnte später wirklich etwas anfangen konnten. Die Industrieproduktion betrug nur noch ein Drittel des Vorkriegsniveaus, Verkehrswege waren zerstört, es fehlten Kohle und Lebensmittel.

Der Schauspieler Gert Fröbe (1913 ­ 1988) schrieb in seinen Memoiren: "Meist hatte ich nicht einmal eine Mark in der Tasche, dafür jedoch einen Hunger, für den ,Kohldampf noch eine Untertreibung war." Dass eine Währungsreform notwendig war, war allen klar. Doch die Besatzungsmächte hatten verschiedene Pläne. Die D-Mark-Banknoten waren schon in den USA gedruckt und in 23 000 Kisten nach Bremerhaven verschifft worden. Die Scheine von einer halben bis 100 DM zeigten nur den Wert und allegorische Figuren ­ jeder Hinweis auf eine Ausgabestelle fehlte, um den Sowjets noch alles offenzuhalten.

Am Abend des 18. Juni ­ einem Freitag ­ verkündeten die drei Militärregierungen die Währungsreform: Per Gesetz führten sie zum 21. Juni die "Deutsche Mark" ein. Am Schwarzmarkt herrschte Götterdämmerung. Die Preise explodierten, eine Zigarette kostete 30 RM, eine getragene Herrenhose 2500 RM ­ dann war alles vorbei. Am Sonntag, den 20. Juni, standen die Haushaltsvorstände vor ihrer Kartenstelle an und erhielten gegen Vorlage der Lebensmittelkarte 40 DM Kopfgeld. In Formulare trugen sie ein, wie viel "Altgeld" die Familie auf Sparkonten hatte. Löhne, Renten und Mieten wurden 1:1 umgestellt. Aber 100 RM Sparguthaben waren nur noch 6,50 DM wert. Damit war zum zweiten Mal in einer Generation das gesamte Geldvermögen der Deutschen entwertet. Schon 1923 hatten die Folgekosten des Ersten Weltkriegs die Reichsmark in wenigen Monaten wertlos gemacht. Die manchen anderen Europäern unverständliche Inflationsfurcht der Deutschen beruht auf diesen bitteren Erfahrungen.

Doch der neoliberale "Wirtschaftsminister" der Westzonen, Ludwig Erhard, hielt die Rosskur für unausweichlich. Das Geld müsse so knapp sein wie die Waren, erklärte er. Noch am Tag der Währungsreform hob er eigenmächtig die ersten Bewirtschaftungsvorschriften auf und riskierte damit einen Krach mit dem amerikanischen Oberbefehlshaber, General Lucius D. Clay.

Mit der Auszahlung der ersten Löhne begann die Kaufwelle. Ein Päckchen Zigaretten war für sechs DM zu haben, ein VW Käfer war jetzt für 5300 DM lieferbar. Aber zunächst wollten sich alle erst einmal so richtig satt essen. Auch Gert Fröbe ­ aber der durfte nicht: Er stand als abgezehrter "Otto Normalverbraucher" vor der Kamera. "Da musste ich meine 116 Pfund noch wochenlang halten", klagte er.

Ihre Erinnerungen

Leser, die sich noch aus eigenem Erleben an die Währungsreform erinnern können, wissen, was sie von den ersten D-Mark erstanden haben, welche Hoffnungen sich mit dem neuen Geld verbanden, sollten uns Ihre Geschichte schreiben: Redaktion Leserbriefe, Münchner Merkur, Paul-Heyse-Str. 2-4, 80336 München, E-Mail: leserbriefe@merkur.de

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