Tag der Wahrheit für Deutsche Bank

- Frankfurt - Es ist der Tag der Wahrheit für Josef Ackermann. Als Angeklagten im Mannesmann-Prozess erwartet den Vorstandssprecher der Deutschen Bank heute die Entscheidung des Bundesgerichtshofs. Für wahrscheinlich halten Experten einen Rücktritt Ackermanns selbst im Fall eines für ihn ungünstigen Richterspruches nicht, doch ausschließen will ihn in Frankfurter Bankenkreisen auch niemand.

Ausgerechnet in der Woche vor dem Urteil ist das Dilemma, in dem die Deutsche Bank und Ackermann seit einigen Jahren stecken, durch den Wirbel um einen offenen Immobilienfonds wieder in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit gerückt.

Auf der einen Seite stehen die Erfolge der Bank im Investmentbanking, der Königsdisziplin der globalen Finanzgeschäfte. Was vor zehn Jahren noch unmöglich schien, hat die Deutsche Bank inzwischen geschafft: Sie steht im internationalen Wettbewerb auf einer Stufe mit großen Wall-Street-Investmenthäusern wie Goldman Sachs oder Morgan Stanley. Zum zweiten Mal nach 2003 erhielt die "Deutsche", wie sie im englischsprachigen Raum genannt wird, von einer renommierten Finanzzeitschrift die Auszeichnung "Bank des Jahres". Eine entsprechend gewichtige Position haben sich die hoch bezahlten Investmentbanker inzwischen innerhalb des Konzerns erarbeitet.

Dem gegenüber steht das Image der Bank in Deutschland. Eine Kette von Pannen trug dazu bei, dass ihr Ruf immer mehr Schaden nahm: Der "Peanuts"-Kommentar des früheren Vorstandssprechers Hilmar Kopper, Ackermanns Siegeszeichen zum Auftakt des Mannesmann-Prozesses, sein Bekenntnis zu Stellenstreichungen bei hohen Gewinnen, als die Zahl der Arbeitslosen in Deutschland gerade auf über fünf Millionen geklettert war. Und zuletzt der Entschluss der Bank in der vergangenen Woche, erstmals in der Geschichte der Branche einen offenen Immobilienfonds zu schließen, in dem Hunderttausende von Kunden ihr Geld angelegt haben.

Das Problem, vor dem das Geldhaus im Fall eines Rücktritts von Ackermann steht, liegt nach Einschätzung von Fachleuten darin, dass sich die beiden Welten kaum noch miteinander versöhnen lassen: Für die Investmentbanker spielt der deutsche Kleinanleger nur eine untergeordnete Rolle. Auf den Kapitalmärkten herrschen angelsächsische Gepflogenheiten, und deutsche Befindlichkeiten sind diesen Finanzprofis häufig ein Rätsel. Damit sie an Bord bleiben, müsste einer aus ihren Reihen Ackermann nachfolgen: Am liebsten der gebürtige Inder Anshu Jain aus dem mächtigen "Group Executive Committee" der Bank. Der wiederum wäre einer kritischen deutschen Öffentlichkeit wohl nur schwer zu vermitteln.

Als einziger interner Kompromisskandidat könnte sich der so genannte Deutschland-Chef Jürgen Fitschen (57) herausschälen: Er hat derzeit im erweiterten Vorstand eine Doppelfunktion mit sowohl internationalem als auch nationalem Fokus inne und geht bei den wichtigen Geschäftskunden der Bank weltweit ein und aus. Allerdings bleibt offen, ob sich die Investmentbanker mit seiner Wahl zufrieden geben würden. Und für den gewöhnlichen Kontoinhaber in Deutschland ist Fitschen trotz seines offiziellen Titels ein Unbekannter geblieben: Die Bank entschied sich dagegen, den Manager nach seiner Berufung im Herbst 2004 in den Medien als potenziellen Nachfolger Ackermanns aufzubauen.

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