Auf dem Satellitenbild steht jeder rote Kreis für einen Brandherd.
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Auf dem Satellitenbild steht jeder rote Kreis für einen Brandherd.

Brandwache aus dem Weltall

Waldbrände: Münchner Start-up will Gefahr früher erkennen — „Jeder Kreis steht für einen Brandherd“

  • VonMatthias Schneider
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Einmal in Fahrt, sind Waldbrände nicht mehr zu bändigen. Für wirksame Löschmaßnahmen braucht es ein wirksames Frühwarnsystem. So eines bietet das Münchner Start-up Ororatech an.

München - „Es ist ein bisschen unaufgeräumt“, entschuldigt sich Rupert Amann. Doch der Raum im dritten Stock des Münchner Technologiezentrums, den der 27-jährige Elektroingenieur meint, ist viel mehr vollgestellt mit Hightech. Über einen Bildschirm laufen Animationen von Satelliten, die die Erde umkreisen, begleitet von endlosen Zeilen Programmiercode.

Ein anderer Monitor zeigt die kalabrische Stadt Reggio aus der Vogelperspektive. Östlich der Stadt ist eine Ansammlung von Kreisen in verschiedenen Rottönen eingeblendet: „Jeder Kreis steht für einen Brandherd“, erklärt Amann. Je röter der Kreis, desto aktueller das Brandgeschehen.

Waldbrand-Warnsystem aus München: Kunden kommen bislang vor allem aus Südamerika

Mit solchen Karten kann das Team von Ororatech die Entwicklung von Waldbränden, wie sie aktuell Italien, Griechenland und die Türkei heimsuchen, verfolgen. Das 2018 von der Technischen Universität München ausgekoppelte Start-up will mit seinem satellitengestützten Waldbrand-Warnsystem Forstbesitzer rechtzeitig alarmieren und ihnen die Möglichkeit zum Gegenangriff geben.

In Europa findet die Technologie bisher kaum Anwendung. „Viele unserer Kunden sind kommerzielle Waldbesitzer in Südamerika“, erzählt Amann, „Die besitzen Millionen Hektar Wald und haben eigene Löschflugzeuge.“ Denn bei Waldbränden ist Geschwindigkeit die entscheidende Größe. Doch die riesigen Gebiete sind oft unbewohnt, Brände können hektarweise Wald vernichten, bis sie überhaupt bemerkt werden: „Und dann ist es meist zu spät, weil die Brände zu groß werden“, so der Ingenieur. So groß sogar, dass sie ihr eigenes Wetter erzeugen. Dazu gehören auch Blitzeinschläge, die neue Brandherde anfachen.

Waldbrände und Klimawandel: „CO2-Ausstoß entspricht bis zu 15 Prozent der Emissionen“

So geschehen vergangenes Jahr, als eine unkontrollierbare Feuersbrunst große Teile Australiens heimgesucht hatte. Die Bilder der brennenden Eukalyptuswälder gingen damals um die Welt. Brände wie diese tragen erheblich zum Klimawandel bei, so Amann: „Der CO2-Ausstoß entspricht etwa zehn bis 15 Prozent der weltweiten Emissionen. Zum Vergleich: Beim Flugverkehr sind es etwa 2,6 Prozent.“ Und durch diese heize sich die Erde natürlich noch weiter auf, eine brandgefährliche Spirale.

Eines der Feuer zieht indes östlich an Reggio vorbei Richtung Norden, wie die sich verfärbenden roten Punkte auf Rupert Amanns Bildschirm zeigen. Ein Netz animierter Tröpfchen auf der Karte verbildlicht Windrichtung und -geschwindigkeit. Dieses Bild wird durch Technik aus dem All ermöglicht: „Wir verknüpfen die Daten von elf niedrig fliegenden und sechs geostationären Satelliten“, erklärt Amann. Bei den angemieteten Flugobjekten handelt es sich größtenteils um Wettersatelliten, weshalb Ororatech auch Daten über Luftfeuchtigkeit und Vegetationsdichte nutzen kann. Pro Tag werden mehrere Terabyte verarbeitet.

Entwickler von Ororatech: „Wollen eigenen Satelliten in den Orbit schicken

Für Förster sind diese Informationen enorm wichtig, denn Trockenheit begünstigt Waldbrände und Biomasse ihre Ausdehnung. „Unsere Kunden bestellen dann die Überwachungsdaten für ein von ihnen festgelegtes Gebiet, inklusive Alarmfunktion auf verschiedenen Kanälen, bis hin zur direkten Integration in bestehende Überwachungszentren so der Elektroingenieur. Die Pixel der einzelnen Bilder haben eine Kantenlänge von bestenfalls 375 Metern – ausreichend, aber ausbaufähig.

Deshalb wird ein Stockwerk höher mit penibler Gründlichkeit an der nächsten Stufe geschraubt: „Wir wollen im Dezember unseren eigenen Satelliten in den Orbit schicken“, erklärt Amann. In dem etwa schuhkartongroßen Trabanten wird eine eigens entwickelte Optik verbaut. „Mit der schaffen wir dann schärfere Aufnahmen mit 200 Meter Pixelgröße, dadurch können wir Feuer ab zehn mal zehn Meter Größe erkennen“, so der 27-jährige Ingenieur.

Rupert Amann hält ein Modell des künftigen Satelliten in Händen: Damit können Feuer von zehn auf zehn Metern Größe in Echtzeit beobachtet werden.

Waldbrand-Warnsystem von Ororatech will auch Hilfsorganisationen unterstützen

Doch der erste eigene Satellit hat noch mehr Vorteile: „Die meisten Satelliten liefern vormittags Daten, aber nachmittags, wo die meisten Waldbrände entstehen, gibt es eine etwa siebenstündige Datenlücke“, erklärt Amann. Diese soll mit dem neuen Satelliten geschlossen werden. Außerdem soll das kleine Kraftpaket weit schneller Informationen liefern: „Wir haben an Bord eine Grafikkarte verbaut und verarbeiten die Daten gleich im Satelliten.“

Damit können die Brände quasi in Echtzeit verfolgt werden, statt wie bisher mit etwa einer Stunde Verzögerung. Ende August muss die Optik nach Schottland geschickt werden, wo sie dann in den Satelliten eingebaut wird. Schon jetzt verlassen sich Förster und Behörden in Quebec, Tasmanien und New South Wales, wo die australischen Buschbrände wüteten, auf die Brandwache im Orbit.

Die große Zerstörungskraft von Waldbränden nährt das Interesse an Unternehmen wie Ororatech, letztes Jahr konnten die 50 Mitarbeiter bereits 400.000 Euro umsetzen, dieses Jahr 5,8 Millionen Euro an Investitionen akquirieren. Neben kommerziellen Anbietern will das Start-up auch Hilfsorganisationen unter die Arme greifen: „Wir helfen zum Beispiel der Wildlife Conservation Society im Niassa-Naturschutzgebiet in Mosambik, mit den Buschbränden umzugehen.“ Denn nach den Wilderern seien diese das größte Problem für das Elefanten-Reservat.

Seit kurzem können auch Löschflugzeuge angezeigt werden. Das erleichtert die Koordination der Löscharbeiten.

Auf Rupert Amanns Bildschirm tut sich indes etwas: Kleine, animierte Löschflugzeuge fliegen über die Karte und steuern die Brandherde an. Diese Funktion ist mit dem an diesem Mittwoch veröffentlichten Systemupdate verfügbar.

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