Wal-Mart: Lüsterne Blicke verboten

- Wuppertal - "Lüsterne Blicke und zweideutige Witze" sind Wal-Mart-Mitarbeitern ausdrücklich verboten. So steht es im Ethik-Kodex, den die meisten Mitarbeiter des weltgrößten Handelskonzerns mit der vergangenen Gehaltsabrechnung erhielten. Mit ihrer 28-seitigen Ethik-Richtlinie, die das Unternehmen nun auch in Deutschland umzusetzen versucht, hat sich der Handelsriese mit Sitz in Wuppertal reichlich Ärger eingehandelt.

<P>Es hagelt Vorwürfe wie "Sex-Verbot" und "Wal-Mart regelt das Liebesleben seiner Mitarbeiter". Nun will der Gesamtbetriebsrat das Werk per Gerichtsbeschluss stoppen lassen. Die Mitbestimmung sei bei der Erstellung mit Füßen getreten worden, argumentiert auch die Gewerkschaft Verdi und sieht einen "glasklaren Verstoß gegen das Betriebsverfassungsgesetz".</P><P>Bei der Geschäftsführung in Wuppertal zeigt man sich über die Aufregung erstaunt. Es gehe doch bei den umstrittenen Passagen nur um Regeln gegen sexuelle Belästigung. Auch solle verhindert werden, das Vorgesetzte die Abhängigkeit ihrer Untergebenen sexuell ausnutzen - eigentlich "Grundsätze menschlichen Handelns", sagt eine Sprecherin. Viele Wal-Mart-Mitarbeiter seien sogar miteinander verheiratet.</P><P>Die Richtlinie solle gewährleisten, dass alle Mitarbeiter fair, korrekt und respektvoll behandelt werden. Zudem habe jedes größere Unternehmen inzwischen einen solchen Kodex.</P><P>Die Gewerkschafter befürchten eine ganz andere Wirkung des Papiers. "Wenn Menschen den Eindruck haben, schon eine Geste kann zur Kündigung führen, ist das nicht in Ordnung", sagt Ulrich Dalibor, der bei Verdi für Wal-Mart zuständig ist. Die Gewerkschaft, mit dem Handelsriesen seit geraumer Zeit auf Kriegsfuß, spricht von "schwerwiegenden Eingriffen in die Persönlichkeitsrechte".</P><P>So untersagt die Richtlinie etwa "sexuell deutbare Kommunikation jeder Art". Die Gewerkschafter können sich eine gewisse Schadenfreude kaum verkneifen: "Das ist eins zu eins aus dem Englischen übersetzt worden. Dabei sind diverse Übersetzungsfehler und auch rechtliche Probleme entstanden." Der Kodex orientiere sich eher am Puritanismus und der Furcht vor Schadenersatzklagen in den USA, nicht am deutschen Arbeitsrecht.</P><P>"Was uns noch viel mehr stört als die Hinweise zum Liebesleben ist der Aufruf zum Denunzieren", sagt Wal-Mart-Gesamtbetriebsrats-Chefin Elke Richards. Auch die Gewerkschafter sprechen von einer "Kultur des Anschwärzens". So lande man bei der eigens eingerichteten "Ethik-Hotline", die auch anonyme Hinweise annimmt, bei einer Mitarbeiterin der Geschäftsführung.</P><P>Gänzlich verdammen wollen die Gewerkschafter das Ethik-Werk indes nicht: Es enthält umfassende Verbote zur Diskriminierung von Minderheiten und von Insider-Aktiengeschäften - und schließt die Vorstandsmitglieder ausdrücklich mit ein. </P><P>Unlängst verlor Boeing-Chef Harry Stonecipher seinen Posten wegen der Beziehung mit einer leitenden Mitarbeiterin. Der Verwaltungsrat zwang ihn zum Rücktritt unter Hinweis auf den Boeing-Verhaltenskodex.</P><P>Sehr erfreut ist man bei Verdi über das ausdrückliche Verbot, unbezahlte Überstunden anzuordnen. "Das hatten wir so klar von denen bislang noch nicht gehört."</P>

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